DGB-Ausbildungsreport: 70 Prozent sind mit der Ausbildung zufrieden, „aber noch Luft nach oben“

Der DGB-Ausbildungsreport 2020 für NRW zeigt: 70 Prozent der Jugendlichen sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht aber „noch Luft nach oben“ und moniert „gravierende Mängel“ bei der Ausbildungsqualität und dem Einhalten gesetzlicher Vorgaben. Die Jugendlichen wünschten gute Ausbildungsbedingungen und eine „vernünftige“ Vergütung. „Die Jugendlichen wollen heute selbstständig und mobil sein“, betont Ingo Degenhardt, der DGB Regionsgeschäftsführer Südwestfalen (HSK, Olpe, Siegen-Wittgenstein) im WOLL-Interview. Ausdrücklich lobt Degenhardt das Netzwerk „Karriere hier“, das „sehr gute Arbeit“ leiste.

Text: Paul Senske
Fotos: DGB

WOLL: Den Ausbildungsreport der DGB Jugend NRW gibt es seit 13 Jahren. Im letzten Jahr haben gut 5000 Auszubildende daran teilgenommen: Wie war die Resonanz in Südwestfalen?

Ingo Degenhardt: Es hat uns wieder besonders gefreut, dass weit über 1000 Jugendliche aus Südwestfalen an unserer schriftlichen Befragung teilgenommen haben. Und das unter viel schwierigeren Bedingungen, denn unsere Berufsschultouren konnten wir nur eingeschränkt anbieten. Die starke Beteiligung zeigt aber, wie wichtig gute Ausbildungsbedingungen sind.

WOLL: Ein Ergebnis ist, dass 70 Prozent der Jugendlichen mit ihrer Ausbildung zufrieden, 30 Prozent eher unzufrieden sind: Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

Ingo Degenhardt: Die 70 Prozent an sich sind ein guter Wert, hier gibt es aber auch noch viel Luft nach oben. Leider sind auch weiterhin gravierende Mängel bei der Ausbildungsqualität und dem Einhalten gesetzlicher Vorgaben festzustellen. So wird jedem siebten Auszubildenden kein Ausgleich für angefallene Überstunden gewährt, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist.

Auch zeigt unser Report, wie flexible junge Menschen bei ihrer Berufswahl sind oder sein müssen. So haben nur 31 Prozent der Befragten einen Ausbildungsplatz in ihrem Wunschberuf erhalten, die Mehrheit wählte eine ungeplante Alternative (23 Prozent) oder einen anderen interessanten Beruf (39 Prozent). Das widerspricht der häufig vorgetragenen Klage, junge Menschen seien unflexibel. Das Gegenteil ist der Fall. Daneben müssen die Arbeitgeber auch die Frage beantworten, wie die duale Ausbildung in Zeiten des Fachkräftemangels attraktiver gemacht werden kann. Die Auszubildenden formulieren in diesem Report klare Anforderungen: Sie wollen gute Ausbildungsbedingungen, eine vernünftige Ausbildungsvergütung - um schon während der Ausbildung nach Möglichkeit auf eigenen Füßen stehen zu können und daran anschließend eine gute berufliche Perspektive mit Entwicklungsmöglichkeiten. Jugendliche wollen heute selbstständig und mobil sein, sie wollen nicht mehr bei den Eltern im „Kinderzimmer“ wohnen müssen.

Forderung nach bezahlbaren Wohnungen

WOLL: Das Thema „Wohnen und Mobilität“ war der Schwerpunkt der Umfrage. Viele Azubis wollen in ihren eigenen vier Wänden wohnen, auch als Zeichen einer beginnenden Selbstständigkeit: Wie ist die Situation in Südwestfalen? Reicht die Ausbildungsvergütung aus Sicht der Jugendlichen dafür aus?

Ingo Degenhardt: Hier gibt der Report wenig Grund zur Freude. So gaben nur vier von zehn (39 Prozent) Befragten an, mit ihrer Ausbildungsvergütung »sehr gut« (7 Prozent) oder »gut« (32 Prozent) selbständig leben zu können. Im Umkehrschluss können über 60 Prozent »weniger gut« oder »gar nicht« selbständig davon leben. Viele schaffen es nicht, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen: Knapp ein Drittel erhält finanzielle Unterstützung durch Eltern und neun Prozent erhalten staatliche Leistungen. Dazu kommt, dass fast jede und jeder siebte Auszubildende zusätzlich noch einem Nebenjob nachgeht. Von der finanziellen Selbstständigkeit hängt natürlich auch ab, wo Azubis wohnen können und wie sie zur Arbeit kommen. Eine konkrete Auswertung für Südwestfalen gibt es hier nicht. In Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt fordern wir mehr bezahlbare Mietwohnungen. Zudem brauchen wir attraktive Wohnheime in Form von Azubi-Appartements.

WOLL: Das Thema Mobilität ist gerade in den ländlichen Gebieten von großer Bedeutung. Wie sieht es damit in Südwestfalen aus? Seit 2019 gibt es ja ein günstiges Azubi-Ticket …

Ingo Degenhardt: Mit der Einführung eines Azubitickets in ganz NRW wurde eine gewerkschaftliche Forderung aufgegriffen und ein erster Schritt getan. Es stößt in NRW auf großes Interesse, während die aktuelle Preisgestaltung und die Abdeckung mit dem ÖPNV weiterhin limitierende Faktoren bleiben. Verbesserungen und ein Ausbau des ÖPNV-Netzes sind daher wichtige Schritte dabei, jungen Menschen Mobilität zu ermöglichen und die notwendige Flexibilität auf dem Ausbildungsmarkt zu unterstützen. Hier sind weitere finanzielle Entlastungen notwendig. Für Auszubildende ist das Azubi-Ticket preislich zu teuer. Daher ist es notwendig einen fairen Preis einzuführen.

Großes Lob für Netzwerk „Karriere hier“

WOLL: Der DGB fordert seit Jahren eine Ausbildungsgarantie: Allen Jugendlichen müsse auf jeden Fall der Eintritt ins erste Ausbildungsjahr möglich sein – über berufliche Schulen oder bei beruflichen Ausbildungsstellen. Im zweiten Jahr sollen sie möglichst in einen Betrieb wechseln. In Südwestfalen, so die Bilanz im letzten Jahr, gibt es auf einen Bewerber im Schnitt gut zwei mögliche Ausbildungsstellen. Das heißt, hier ist die Situation doch relativ komfortabel für die Auszubildenden …

Ingo Degenhardt: Das stimmt – wenn man nur das reine Zahlenmaterial betrachtet, dennoch gibt es Unterschiede zwischen Angebot und Nachfrage beziehungsweise dem Angebot und dem Wunschberuf. Berufswahlorientierung, die damit verbundenen richtigen Angebote und Hilfestellungen von vielen regionalen Partnern sind dabei enorm wichtig. Hier leistet das Netzwerk „Karriere-hier“ sehr gute Arbeit, auch im Hinblick auf die Unterstützung von Eltern bei der Berufsorientierung ihrer Kinder. Auch wir als DGB sind Mitglied in diesem Netzwerk. Wichtig ist es, die Chancen und Möglichkeiten von beruflicher Bildung in unserem dualen System immer wieder hervorzuheben. Aber auch der ein oder andere Arbeitgeber muss an seiner Attraktivität arbeiten. Hier lohnt sich der Blick in unseren Ausbildungsreport.

WOLL: Wie sieht Ihre Vision für den Ausbildungsmarkt der Zukunft aus – auch und besonders vor dem Hintergrund der Digitalisierung?

Ingo Degenhardt: Fest steht: Die Arbeitswelt braucht gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte. Das gelingt nur mit einer qualitativ hochwertigen und attraktiv ausgestalteten Berufsausbildung. Sie muss junge Menschen begeistern, ihnen eine Perspektive nach der Ausbildung bieten und ihnen die notwendige Wertschätzung zukommen lassen, die sie verdienen. Dafür braucht es klare Weichenstellungen und bezogen auf die Digitalisierung die Veränderung von Berufsbildern. An diesen Veränderungen sind auch wir als Arbeitnehmervertreter beteiligt. Ein Beispiel aus unserer Region: Aktuell beschäftigt sich ein Projekt bei der Handwerkskammer Südwestfalen mit der Herausforderung der Digitalisierung in der Ausbildung in Handwerksbetrieben. Hier geht es um aktuelle Anforderungen und zukünftig notwendige Kompetenzen zur digitalen Vernetzung in der überbetrieblichen Ausbildung. Zum Arbeitsalltag gehören schon heute digitale Anwendungen und Produkte. Daher ist es wichtig, dass bereits in der Ausbildung das Verständnis für digitale Vernetzung integriert und vermittelt wird.

WOLL: Vielen Dank für das Gespräch.

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DGB-Ausbildungsreport: 70 Prozent sind mit der Ausbildung zufrieden, „aber noch Luft nach oben“

Der DGB-Ausbildungsreport 2020 für NRW zeigt: 70 Prozent der Jugendlichen sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht aber „noch Luft nach oben“ und moniert „gravierende Mängel“ bei der Ausbildungsqualität und dem Einhalten gesetzlicher Vorgaben. Die Jugendlichen wünschten gute Ausbildungsbedingungen und eine „vernünftige“ Vergütung. „Die Jugendlichen wollen heute selbstständig und mobil sein“, betont Ingo Degenhardt, der DGB Regionsgeschäftsführer Südwestfalen (HSK, Olpe, Siegen-Wittgenstein) im WOLL-Interview. Ausdrücklich lobt Degenhardt das Netzwerk „Karriere hier“, das „sehr gute Arbeit“ leiste.

Text: Paul Senske
Fotos: DGB

WOLL: Den Ausbildungsreport der DGB Jugend NRW gibt es seit 13 Jahren. Im letzten Jahr haben gut 5000 Auszubildende daran teilgenommen: Wie war die Resonanz in Südwestfalen?

Ingo Degenhardt: Es hat uns wieder besonders gefreut, dass weit über 1000 Jugendliche aus Südwestfalen an unserer schriftlichen Befragung teilgenommen haben. Und das unter viel schwierigeren Bedingungen, denn unsere Berufsschultouren konnten wir nur eingeschränkt anbieten. Die starke Beteiligung zeigt aber, wie wichtig gute Ausbildungsbedingungen sind.

WOLL: Ein Ergebnis ist, dass 70 Prozent der Jugendlichen mit ihrer Ausbildung zufrieden, 30 Prozent eher unzufrieden sind: Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

Ingo Degenhardt: Die 70 Prozent an sich sind ein guter Wert, hier gibt es aber auch noch viel Luft nach oben. Leider sind auch weiterhin gravierende Mängel bei der Ausbildungsqualität und dem Einhalten gesetzlicher Vorgaben festzustellen. So wird jedem siebten Auszubildenden kein Ausgleich für angefallene Überstunden gewährt, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist.

Auch zeigt unser Report, wie flexible junge Menschen bei ihrer Berufswahl sind oder sein müssen. So haben nur 31 Prozent der Befragten einen Ausbildungsplatz in ihrem Wunschberuf erhalten, die Mehrheit wählte eine ungeplante Alternative (23 Prozent) oder einen anderen interessanten Beruf (39 Prozent). Das widerspricht der häufig vorgetragenen Klage, junge Menschen seien unflexibel. Das Gegenteil ist der Fall. Daneben müssen die Arbeitgeber auch die Frage beantworten, wie die duale Ausbildung in Zeiten des Fachkräftemangels attraktiver gemacht werden kann. Die Auszubildenden formulieren in diesem Report klare Anforderungen: Sie wollen gute Ausbildungsbedingungen, eine vernünftige Ausbildungsvergütung - um schon während der Ausbildung nach Möglichkeit auf eigenen Füßen stehen zu können und daran anschließend eine gute berufliche Perspektive mit Entwicklungsmöglichkeiten. Jugendliche wollen heute selbstständig und mobil sein, sie wollen nicht mehr bei den Eltern im „Kinderzimmer“ wohnen müssen.

Forderung nach bezahlbaren Wohnungen

WOLL: Das Thema „Wohnen und Mobilität“ war der Schwerpunkt der Umfrage. Viele Azubis wollen in ihren eigenen vier Wänden wohnen, auch als Zeichen einer beginnenden Selbstständigkeit: Wie ist die Situation in Südwestfalen? Reicht die Ausbildungsvergütung aus Sicht der Jugendlichen dafür aus?

Ingo Degenhardt: Hier gibt der Report wenig Grund zur Freude. So gaben nur vier von zehn (39 Prozent) Befragten an, mit ihrer Ausbildungsvergütung »sehr gut« (7 Prozent) oder »gut« (32 Prozent) selbständig leben zu können. Im Umkehrschluss können über 60 Prozent »weniger gut« oder »gar nicht« selbständig davon leben. Viele schaffen es nicht, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen: Knapp ein Drittel erhält finanzielle Unterstützung durch Eltern und neun Prozent erhalten staatliche Leistungen. Dazu kommt, dass fast jede und jeder siebte Auszubildende zusätzlich noch einem Nebenjob nachgeht. Von der finanziellen Selbstständigkeit hängt natürlich auch ab, wo Azubis wohnen können und wie sie zur Arbeit kommen. Eine konkrete Auswertung für Südwestfalen gibt es hier nicht. In Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt fordern wir mehr bezahlbare Mietwohnungen. Zudem brauchen wir attraktive Wohnheime in Form von Azubi-Appartements.

WOLL: Das Thema Mobilität ist gerade in den ländlichen Gebieten von großer Bedeutung. Wie sieht es damit in Südwestfalen aus? Seit 2019 gibt es ja ein günstiges Azubi-Ticket …

Ingo Degenhardt: Mit der Einführung eines Azubitickets in ganz NRW wurde eine gewerkschaftliche Forderung aufgegriffen und ein erster Schritt getan. Es stößt in NRW auf großes Interesse, während die aktuelle Preisgestaltung und die Abdeckung mit dem ÖPNV weiterhin limitierende Faktoren bleiben. Verbesserungen und ein Ausbau des ÖPNV-Netzes sind daher wichtige Schritte dabei, jungen Menschen Mobilität zu ermöglichen und die notwendige Flexibilität auf dem Ausbildungsmarkt zu unterstützen. Hier sind weitere finanzielle Entlastungen notwendig. Für Auszubildende ist das Azubi-Ticket preislich zu teuer. Daher ist es notwendig einen fairen Preis einzuführen.

Großes Lob für Netzwerk „Karriere hier“

WOLL: Der DGB fordert seit Jahren eine Ausbildungsgarantie: Allen Jugendlichen müsse auf jeden Fall der Eintritt ins erste Ausbildungsjahr möglich sein – über berufliche Schulen oder bei beruflichen Ausbildungsstellen. Im zweiten Jahr sollen sie möglichst in einen Betrieb wechseln. In Südwestfalen, so die Bilanz im letzten Jahr, gibt es auf einen Bewerber im Schnitt gut zwei mögliche Ausbildungsstellen. Das heißt, hier ist die Situation doch relativ komfortabel für die Auszubildenden …

Ingo Degenhardt: Das stimmt – wenn man nur das reine Zahlenmaterial betrachtet, dennoch gibt es Unterschiede zwischen Angebot und Nachfrage beziehungsweise dem Angebot und dem Wunschberuf. Berufswahlorientierung, die damit verbundenen richtigen Angebote und Hilfestellungen von vielen regionalen Partnern sind dabei enorm wichtig. Hier leistet das Netzwerk „Karriere-hier“ sehr gute Arbeit, auch im Hinblick auf die Unterstützung von Eltern bei der Berufsorientierung ihrer Kinder. Auch wir als DGB sind Mitglied in diesem Netzwerk. Wichtig ist es, die Chancen und Möglichkeiten von beruflicher Bildung in unserem dualen System immer wieder hervorzuheben. Aber auch der ein oder andere Arbeitgeber muss an seiner Attraktivität arbeiten. Hier lohnt sich der Blick in unseren Ausbildungsreport.

WOLL: Wie sieht Ihre Vision für den Ausbildungsmarkt der Zukunft aus – auch und besonders vor dem Hintergrund der Digitalisierung?

Ingo Degenhardt: Fest steht: Die Arbeitswelt braucht gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte. Das gelingt nur mit einer qualitativ hochwertigen und attraktiv ausgestalteten Berufsausbildung. Sie muss junge Menschen begeistern, ihnen eine Perspektive nach der Ausbildung bieten und ihnen die notwendige Wertschätzung zukommen lassen, die sie verdienen. Dafür braucht es klare Weichenstellungen und bezogen auf die Digitalisierung die Veränderung von Berufsbildern. An diesen Veränderungen sind auch wir als Arbeitnehmervertreter beteiligt. Ein Beispiel aus unserer Region: Aktuell beschäftigt sich ein Projekt bei der Handwerkskammer Südwestfalen mit der Herausforderung der Digitalisierung in der Ausbildung in Handwerksbetrieben. Hier geht es um aktuelle Anforderungen und zukünftig notwendige Kompetenzen zur digitalen Vernetzung in der überbetrieblichen Ausbildung. Zum Arbeitsalltag gehören schon heute digitale Anwendungen und Produkte. Daher ist es wichtig, dass bereits in der Ausbildung das Verständnis für digitale Vernetzung integriert und vermittelt wird.

WOLL: Vielen Dank für das Gespräch.

DGB-Ausbildungsreport: 70 Prozent sind mit der Ausbildung zufrieden, „aber noch Luft nach oben“

Der DGB-Ausbildungsreport 2020 für NRW zeigt: 70 Prozent der Jugendlichen sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht aber „noch Luft nach oben“ und moniert „gravierende Mängel“ bei der Ausbildungsqualität und dem Einhalten gesetzlicher Vorgaben. Die Jugendlichen wünschten gute Ausbildungsbedingungen und eine „vernünftige“ Vergütung. „Die Jugendlichen wollen heute selbstständig und mobil sein“, betont Ingo Degenhardt, der DGB Regionsgeschäftsführer Südwestfalen (HSK, Olpe, Siegen-Wittgenstein) im WOLL-Interview. Ausdrücklich lobt Degenhardt das Netzwerk „Karriere hier“, das „sehr gute Arbeit“ leiste.

Text: Paul Senske
Fotos: DGB

WOLL: Den Ausbildungsreport der DGB Jugend NRW gibt es seit 13 Jahren. Im letzten Jahr haben gut 5000 Auszubildende daran teilgenommen: Wie war die Resonanz in Südwestfalen?

Ingo Degenhardt: Es hat uns wieder besonders gefreut, dass weit über 1000 Jugendliche aus Südwestfalen an unserer schriftlichen Befragung teilgenommen haben. Und das unter viel schwierigeren Bedingungen, denn unsere Berufsschultouren konnten wir nur eingeschränkt anbieten. Die starke Beteiligung zeigt aber, wie wichtig gute Ausbildungsbedingungen sind.

WOLL: Ein Ergebnis ist, dass 70 Prozent der Jugendlichen mit ihrer Ausbildung zufrieden, 30 Prozent eher unzufrieden sind: Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

Ingo Degenhardt: Die 70 Prozent an sich sind ein guter Wert, hier gibt es aber auch noch viel Luft nach oben. Leider sind auch weiterhin gravierende Mängel bei der Ausbildungsqualität und dem Einhalten gesetzlicher Vorgaben festzustellen. So wird jedem siebten Auszubildenden kein Ausgleich für angefallene Überstunden gewährt, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist.

Auch zeigt unser Report, wie flexible junge Menschen bei ihrer Berufswahl sind oder sein müssen. So haben nur 31 Prozent der Befragten einen Ausbildungsplatz in ihrem Wunschberuf erhalten, die Mehrheit wählte eine ungeplante Alternative (23 Prozent) oder einen anderen interessanten Beruf (39 Prozent). Das widerspricht der häufig vorgetragenen Klage, junge Menschen seien unflexibel. Das Gegenteil ist der Fall. Daneben müssen die Arbeitgeber auch die Frage beantworten, wie die duale Ausbildung in Zeiten des Fachkräftemangels attraktiver gemacht werden kann. Die Auszubildenden formulieren in diesem Report klare Anforderungen: Sie wollen gute Ausbildungsbedingungen, eine vernünftige Ausbildungsvergütung - um schon während der Ausbildung nach Möglichkeit auf eigenen Füßen stehen zu können und daran anschließend eine gute berufliche Perspektive mit Entwicklungsmöglichkeiten. Jugendliche wollen heute selbstständig und mobil sein, sie wollen nicht mehr bei den Eltern im „Kinderzimmer“ wohnen müssen.

Forderung nach bezahlbaren Wohnungen

WOLL: Das Thema „Wohnen und Mobilität“ war der Schwerpunkt der Umfrage. Viele Azubis wollen in ihren eigenen vier Wänden wohnen, auch als Zeichen einer beginnenden Selbstständigkeit: Wie ist die Situation in Südwestfalen? Reicht die Ausbildungsvergütung aus Sicht der Jugendlichen dafür aus?

Ingo Degenhardt: Hier gibt der Report wenig Grund zur Freude. So gaben nur vier von zehn (39 Prozent) Befragten an, mit ihrer Ausbildungsvergütung »sehr gut« (7 Prozent) oder »gut« (32 Prozent) selbständig leben zu können. Im Umkehrschluss können über 60 Prozent »weniger gut« oder »gar nicht« selbständig davon leben. Viele schaffen es nicht, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen: Knapp ein Drittel erhält finanzielle Unterstützung durch Eltern und neun Prozent erhalten staatliche Leistungen. Dazu kommt, dass fast jede und jeder siebte Auszubildende zusätzlich noch einem Nebenjob nachgeht. Von der finanziellen Selbstständigkeit hängt natürlich auch ab, wo Azubis wohnen können und wie sie zur Arbeit kommen. Eine konkrete Auswertung für Südwestfalen gibt es hier nicht. In Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt fordern wir mehr bezahlbare Mietwohnungen. Zudem brauchen wir attraktive Wohnheime in Form von Azubi-Appartements.

WOLL: Das Thema Mobilität ist gerade in den ländlichen Gebieten von großer Bedeutung. Wie sieht es damit in Südwestfalen aus? Seit 2019 gibt es ja ein günstiges Azubi-Ticket …

Ingo Degenhardt: Mit der Einführung eines Azubitickets in ganz NRW wurde eine gewerkschaftliche Forderung aufgegriffen und ein erster Schritt getan. Es stößt in NRW auf großes Interesse, während die aktuelle Preisgestaltung und die Abdeckung mit dem ÖPNV weiterhin limitierende Faktoren bleiben. Verbesserungen und ein Ausbau des ÖPNV-Netzes sind daher wichtige Schritte dabei, jungen Menschen Mobilität zu ermöglichen und die notwendige Flexibilität auf dem Ausbildungsmarkt zu unterstützen. Hier sind weitere finanzielle Entlastungen notwendig. Für Auszubildende ist das Azubi-Ticket preislich zu teuer. Daher ist es notwendig einen fairen Preis einzuführen.

Großes Lob für Netzwerk „Karriere hier“

WOLL: Der DGB fordert seit Jahren eine Ausbildungsgarantie: Allen Jugendlichen müsse auf jeden Fall der Eintritt ins erste Ausbildungsjahr möglich sein – über berufliche Schulen oder bei beruflichen Ausbildungsstellen. Im zweiten Jahr sollen sie möglichst in einen Betrieb wechseln. In Südwestfalen, so die Bilanz im letzten Jahr, gibt es auf einen Bewerber im Schnitt gut zwei mögliche Ausbildungsstellen. Das heißt, hier ist die Situation doch relativ komfortabel für die Auszubildenden …

Ingo Degenhardt: Das stimmt – wenn man nur das reine Zahlenmaterial betrachtet, dennoch gibt es Unterschiede zwischen Angebot und Nachfrage beziehungsweise dem Angebot und dem Wunschberuf. Berufswahlorientierung, die damit verbundenen richtigen Angebote und Hilfestellungen von vielen regionalen Partnern sind dabei enorm wichtig. Hier leistet das Netzwerk „Karriere-hier“ sehr gute Arbeit, auch im Hinblick auf die Unterstützung von Eltern bei der Berufsorientierung ihrer Kinder. Auch wir als DGB sind Mitglied in diesem Netzwerk. Wichtig ist es, die Chancen und Möglichkeiten von beruflicher Bildung in unserem dualen System immer wieder hervorzuheben. Aber auch der ein oder andere Arbeitgeber muss an seiner Attraktivität arbeiten. Hier lohnt sich der Blick in unseren Ausbildungsreport.

WOLL: Wie sieht Ihre Vision für den Ausbildungsmarkt der Zukunft aus – auch und besonders vor dem Hintergrund der Digitalisierung?

Ingo Degenhardt: Fest steht: Die Arbeitswelt braucht gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte. Das gelingt nur mit einer qualitativ hochwertigen und attraktiv ausgestalteten Berufsausbildung. Sie muss junge Menschen begeistern, ihnen eine Perspektive nach der Ausbildung bieten und ihnen die notwendige Wertschätzung zukommen lassen, die sie verdienen. Dafür braucht es klare Weichenstellungen und bezogen auf die Digitalisierung die Veränderung von Berufsbildern. An diesen Veränderungen sind auch wir als Arbeitnehmervertreter beteiligt. Ein Beispiel aus unserer Region: Aktuell beschäftigt sich ein Projekt bei der Handwerkskammer Südwestfalen mit der Herausforderung der Digitalisierung in der Ausbildung in Handwerksbetrieben. Hier geht es um aktuelle Anforderungen und zukünftig notwendige Kompetenzen zur digitalen Vernetzung in der überbetrieblichen Ausbildung. Zum Arbeitsalltag gehören schon heute digitale Anwendungen und Produkte. Daher ist es wichtig, dass bereits in der Ausbildung das Verständnis für digitale Vernetzung integriert und vermittelt wird.

WOLL: Vielen Dank für das Gespräch.

DGB-Ausbildungsreport: 70 Prozent sind mit der Ausbildung zufrieden, „aber noch Luft nach oben“

Der DGB-Ausbildungsreport 2020 für NRW zeigt: 70 Prozent der Jugendlichen sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht aber „noch Luft nach oben“ und moniert „gravierende Mängel“ bei der Ausbildungsqualität und dem Einhalten gesetzlicher Vorgaben. Die Jugendlichen wünschten gute Ausbildungsbedingungen und eine „vernünftige“ Vergütung. „Die Jugendlichen wollen heute selbstständig und mobil sein“, betont Ingo Degenhardt, der DGB Regionsgeschäftsführer Südwestfalen (HSK, Olpe, Siegen-Wittgenstein) im WOLL-Interview. Ausdrücklich lobt Degenhardt das Netzwerk „Karriere hier“, das „sehr gute Arbeit“ leiste.

Text: Paul Senske
Fotos: DGB

WOLL: Den Ausbildungsreport der DGB Jugend NRW gibt es seit 13 Jahren. Im letzten Jahr haben gut 5000 Auszubildende daran teilgenommen: Wie war die Resonanz in Südwestfalen?

Ingo Degenhardt: Es hat uns wieder besonders gefreut, dass weit über 1000 Jugendliche aus Südwestfalen an unserer schriftlichen Befragung teilgenommen haben. Und das unter viel schwierigeren Bedingungen, denn unsere Berufsschultouren konnten wir nur eingeschränkt anbieten. Die starke Beteiligung zeigt aber, wie wichtig gute Ausbildungsbedingungen sind.

WOLL: Ein Ergebnis ist, dass 70 Prozent der Jugendlichen mit ihrer Ausbildung zufrieden, 30 Prozent eher unzufrieden sind: Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

Ingo Degenhardt: Die 70 Prozent an sich sind ein guter Wert, hier gibt es aber auch noch viel Luft nach oben. Leider sind auch weiterhin gravierende Mängel bei der Ausbildungsqualität und dem Einhalten gesetzlicher Vorgaben festzustellen. So wird jedem siebten Auszubildenden kein Ausgleich für angefallene Überstunden gewährt, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist.

Auch zeigt unser Report, wie flexible junge Menschen bei ihrer Berufswahl sind oder sein müssen. So haben nur 31 Prozent der Befragten einen Ausbildungsplatz in ihrem Wunschberuf erhalten, die Mehrheit wählte eine ungeplante Alternative (23 Prozent) oder einen anderen interessanten Beruf (39 Prozent). Das widerspricht der häufig vorgetragenen Klage, junge Menschen seien unflexibel. Das Gegenteil ist der Fall. Daneben müssen die Arbeitgeber auch die Frage beantworten, wie die duale Ausbildung in Zeiten des Fachkräftemangels attraktiver gemacht werden kann. Die Auszubildenden formulieren in diesem Report klare Anforderungen: Sie wollen gute Ausbildungsbedingungen, eine vernünftige Ausbildungsvergütung - um schon während der Ausbildung nach Möglichkeit auf eigenen Füßen stehen zu können und daran anschließend eine gute berufliche Perspektive mit Entwicklungsmöglichkeiten. Jugendliche wollen heute selbstständig und mobil sein, sie wollen nicht mehr bei den Eltern im „Kinderzimmer“ wohnen müssen.

Forderung nach bezahlbaren Wohnungen

WOLL: Das Thema „Wohnen und Mobilität“ war der Schwerpunkt der Umfrage. Viele Azubis wollen in ihren eigenen vier Wänden wohnen, auch als Zeichen einer beginnenden Selbstständigkeit: Wie ist die Situation in Südwestfalen? Reicht die Ausbildungsvergütung aus Sicht der Jugendlichen dafür aus?

Ingo Degenhardt: Hier gibt der Report wenig Grund zur Freude. So gaben nur vier von zehn (39 Prozent) Befragten an, mit ihrer Ausbildungsvergütung »sehr gut« (7 Prozent) oder »gut« (32 Prozent) selbständig leben zu können. Im Umkehrschluss können über 60 Prozent »weniger gut« oder »gar nicht« selbständig davon leben. Viele schaffen es nicht, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen: Knapp ein Drittel erhält finanzielle Unterstützung durch Eltern und neun Prozent erhalten staatliche Leistungen. Dazu kommt, dass fast jede und jeder siebte Auszubildende zusätzlich noch einem Nebenjob nachgeht. Von der finanziellen Selbstständigkeit hängt natürlich auch ab, wo Azubis wohnen können und wie sie zur Arbeit kommen. Eine konkrete Auswertung für Südwestfalen gibt es hier nicht. In Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt fordern wir mehr bezahlbare Mietwohnungen. Zudem brauchen wir attraktive Wohnheime in Form von Azubi-Appartements.

WOLL: Das Thema Mobilität ist gerade in den ländlichen Gebieten von großer Bedeutung. Wie sieht es damit in Südwestfalen aus? Seit 2019 gibt es ja ein günstiges Azubi-Ticket …

Ingo Degenhardt: Mit der Einführung eines Azubitickets in ganz NRW wurde eine gewerkschaftliche Forderung aufgegriffen und ein erster Schritt getan. Es stößt in NRW auf großes Interesse, während die aktuelle Preisgestaltung und die Abdeckung mit dem ÖPNV weiterhin limitierende Faktoren bleiben. Verbesserungen und ein Ausbau des ÖPNV-Netzes sind daher wichtige Schritte dabei, jungen Menschen Mobilität zu ermöglichen und die notwendige Flexibilität auf dem Ausbildungsmarkt zu unterstützen. Hier sind weitere finanzielle Entlastungen notwendig. Für Auszubildende ist das Azubi-Ticket preislich zu teuer. Daher ist es notwendig einen fairen Preis einzuführen.

Großes Lob für Netzwerk „Karriere hier“

WOLL: Der DGB fordert seit Jahren eine Ausbildungsgarantie: Allen Jugendlichen müsse auf jeden Fall der Eintritt ins erste Ausbildungsjahr möglich sein – über berufliche Schulen oder bei beruflichen Ausbildungsstellen. Im zweiten Jahr sollen sie möglichst in einen Betrieb wechseln. In Südwestfalen, so die Bilanz im letzten Jahr, gibt es auf einen Bewerber im Schnitt gut zwei mögliche Ausbildungsstellen. Das heißt, hier ist die Situation doch relativ komfortabel für die Auszubildenden …

Ingo Degenhardt: Das stimmt – wenn man nur das reine Zahlenmaterial betrachtet, dennoch gibt es Unterschiede zwischen Angebot und Nachfrage beziehungsweise dem Angebot und dem Wunschberuf. Berufswahlorientierung, die damit verbundenen richtigen Angebote und Hilfestellungen von vielen regionalen Partnern sind dabei enorm wichtig. Hier leistet das Netzwerk „Karriere-hier“ sehr gute Arbeit, auch im Hinblick auf die Unterstützung von Eltern bei der Berufsorientierung ihrer Kinder. Auch wir als DGB sind Mitglied in diesem Netzwerk. Wichtig ist es, die Chancen und Möglichkeiten von beruflicher Bildung in unserem dualen System immer wieder hervorzuheben. Aber auch der ein oder andere Arbeitgeber muss an seiner Attraktivität arbeiten. Hier lohnt sich der Blick in unseren Ausbildungsreport.

WOLL: Wie sieht Ihre Vision für den Ausbildungsmarkt der Zukunft aus – auch und besonders vor dem Hintergrund der Digitalisierung?

Ingo Degenhardt: Fest steht: Die Arbeitswelt braucht gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte. Das gelingt nur mit einer qualitativ hochwertigen und attraktiv ausgestalteten Berufsausbildung. Sie muss junge Menschen begeistern, ihnen eine Perspektive nach der Ausbildung bieten und ihnen die notwendige Wertschätzung zukommen lassen, die sie verdienen. Dafür braucht es klare Weichenstellungen und bezogen auf die Digitalisierung die Veränderung von Berufsbildern. An diesen Veränderungen sind auch wir als Arbeitnehmervertreter beteiligt. Ein Beispiel aus unserer Region: Aktuell beschäftigt sich ein Projekt bei der Handwerkskammer Südwestfalen mit der Herausforderung der Digitalisierung in der Ausbildung in Handwerksbetrieben. Hier geht es um aktuelle Anforderungen und zukünftig notwendige Kompetenzen zur digitalen Vernetzung in der überbetrieblichen Ausbildung. Zum Arbeitsalltag gehören schon heute digitale Anwendungen und Produkte. Daher ist es wichtig, dass bereits in der Ausbildung das Verständnis für digitale Vernetzung integriert und vermittelt wird.

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