„Berufsberatung gelingt nur dann, wenn man den Menschen als Ganzes sieht“
Wenn ein Jugendlicher noch unsicher ist, welchen beruflichen Weg er einschlagen soll, dann ist er im wahren Sinne des Wortes gut beraten, mit einem Berufsberater zu sprechen. Ob es nun eine duale oder schulische Ausbildung sein soll oder ein Studium das Richtige ist, kann im persönlichen Gespräch herausgefunden werden. Durch seine Erfahrung weiß ein guter Berufsberater, wie Talente und Stärken optimal genutzt werden können und er kennt sich auf dem heimischen Ausbildungsmarkt bestens aus. So wie Nicolai Kersting, Berufsberater in der Agentur für Arbeit in Olsberg.

Zahlreiche Berufsfindungs-Tools versprechen eine Antwort auf die Frage nach dem richtigen Beruf, der passenden Ausbildung. Auch die Agentur für Arbeit bietet mit „Check-U“ einen kostenlosen Berufswahltest an. Bedeutet das nun, dass Künstliche Intelligenz den Berufsberater ersetzen kann, Herr Kersting?
Die Ergebnisse von Check-U sind eine gute Grundlage zur Orientierung, ersetzen aber keinesfalls eine persönliche Beratung. Eine individuelle Beratung durch die Berufsberatung ist auch durch KI nicht zu ersetzen. Jeder Mensch bringt einzigartige Erfahrungen und Perspektiven mit, die oft weit über einfache Algorithmen hinausgehen.
Die Berufswahl ist oft ein mehrdimensionaler Prozess, der nicht nur auf Fähigkeiten und Interessen basiert, sondern auch persönliche Werte, Lebensumstände, langfristige Ziele und Soft-Skills (z. B. Kommunikation, Problemlösungsfähigkeit, Teamfähigkeit, Lernfähigkeit, …) umfasst.
Diese einzigartigen Nuancen kann die KI nicht erkennen und verwerten. Unsere Aufgabe in der Berufsberatung ist es, junge Menschen bei der beruflichen Orientierung zu unterstützen und mit passgenauen Arbeitgebern zusammen zu bringen. Dies gelingt letztendlich nur dann, wenn man den Menschen als Ganzes sieht und macht die menschliche Interaktion unabdingbar.
Berufsberater können personalisierte Strategien und unterstützende Fördermaßnahmen anbieten, die auf spezifische Lebensgeschichten und Herausforderungen abgestimmt sind. Dennoch ist die Digitalisierung ein großer Zugewinn für die Orientierung. Sie erleichtert es Jugendlichen sich eigenständig, von überall und rund um die Uhr mit wichtigen Informationen zu Berufen zu versorgen.
Viele Jugendliche sind verwirrt durch das Überangebot an Ausbildungsmöglichkeiten. Können Sie ihnen helfen, den Überblick zu bewahren?
Im Laufe der Jahre hat sich tatsächlich eine große Vielzahl an beruflichen Möglichkeiten angesammelt. Wenn man sich die Zahlen einmal ansieht – ca. 360 verschiedene Ausbildungsberufe und über 20.000 Studiengänge gibt es in Deutschland. Dies sind Zahlen, die Jugendliche im ersten Moment überfordern können. Jedoch ist es nicht erforderlich sich mit jedem Angebot auseinanderzusetzen. Welche beruflichen Möglichkeiten in Frage kommen, hängt mit den Interessen, Talenten, Werten und Wünschen der einzelnen Person zusammen. Sinnvoll ist es sich mit den möglichen und passenden Wegen näher auseinanderzusetzen und eine Berufsberatung in Anspruch zu nehmen.
Manchmal steht man aber auch vor diesem Wald voller Möglichkeiten und weiß überhaupt nicht, in welche Richtung man gehen soll. Hier können wir als Berufsberatung weiterhelfen und im Gespräch passende Optionen herausarbeiten. Zudem haben wir spezielle Angebote, um die persönlichen Stärken, Talente und Neigungen hervorzubringen. Einerseits bieten wir professionelle Testverfahren im hauseigenen Berufspsychologischen Service an. Andererseits bieten wir verschiedene Maßnahmen an, in denen Jugendliche ihre Interessen in der Praxis testen und kennenlernen dürfen. Da haben wir ein großes Angebot an Unterstützungsmöglichkeiten.
Die Arbeits- und Studienwelt ist dynamisch und ändert sich laufend. Daher ist es nachvollziehbar schwierig für junge Menschen einen Überblick zu erhalten. In einer sich schnell verändernden Arbeitswelt sind Unsicherheiten bezüglich der Entwicklung von Arbeitsmärkten ganz normal. Wir als Berufsberater können aktuelle Trends und Entwicklungen fundiert bewerten und individuelle Strategien aufzeigen, wie die jungen Menschen sich an die Veränderungen anpassen können.
Was können Eltern tun, wenn es Schwierigkeiten am Ausbildungsplatz (mit dem Ausbilder oder den Kollegen) gibt?
Eltern sollten mit ihren Kindern über die Schwierigkeiten sprechen, um sich ein Bild der jeweiligen Situation zu machen. Und auch die Jugendlichen sollten sich hier reflektierend mit den Schwierigkeiten am Ausbildungsplatz auseinandersetzen. Hierbei ist es sinnvoll einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, um den Hergang aus verschiedenen Blickwinkeln zu berücksichtigen. Nach einer Analyse sollte ein Gespräch mit dem Ausbildungsverantwortlichen, dem Jugendlichen und den Eltern geführt werden, um die Probleme zu besprechen und beheben zu können. Die Berufsberatung kann zur Unterstützung kontaktiert werden und bei der Problemlösung einbezogen werden. Hier stehen wir einerseits beratend zur Verfügung, andererseits haben wir hier die Möglichkeit durch gezielte Angebote den Ausbildungsverlauf sozialpädagogisch zu unterstützen.
Wer Kompromisse bei der Wahl der Ausbildung eingeht, wird möglicherweise eher die Ausbildung abbrechen. Wie lässt sich das verhindern?
Um Ausbildungsabbrüche zu verhindern, ist es ratsam sich intensiv mit den Berufseigenschaften, sowie mit den Voraussetzungen und Besonderheiten auseinanderzusetzen. Die Wahl sollte gut durchdacht sein und eine umfassende Vorbereitung verhindert in vielen Fällen einen Abbruch. Die Entscheidung einen Beruf zu erlernen, sollte im besten Fall durch ausreichende Recherche und insbesondere durch Praktika untermauert werden. Denn die Praxis kann manchmal anders sein, als man es sich vorgestellt hat.
Aber auch die beste Vorbereitung kann nicht jeden Abbruch verhindern. Davon sollte man sich nicht unterkriegen lassen. Hier empfiehlt es sich, den Abbruchgrund zu reflektieren, zu hinterfragen und mit dem Wissen einen neuen Versuch zu starten. Auch das können wichtige Erfahrungen für das Leben sein.
Raten Sie eher dazu, eine Ausbildung abzuschließen und sich anschließend neu zu orientieren oder gibt es noch andere Möglichkeiten zu wechseln?
Das ist pauschal nicht zu beantworten. Auch hier kommt es auf den Einzelfall an. Grundsätzlich muss das jede/r für sich selbst entscheiden. Jedoch kann es Sinn machen eine laufende Ausbildung abzuschließen, um sich danach neu zu orientieren. Ein Abschluss kann den Jugendlichen wertvolle Qualifikationen und einen formellen Nachweis der erworbenen Fähigkeiten bieten, was die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöht. Zudem haben Arbeitgeber Interesse an ausgebildeten Fachkräften. Nach der Ausbildung können sich Jugendliche dann spezieller oder fachfremd weiterbilden, so dass sich weitere berufliche Möglichkeiten ergeben, die letztendlich besser zu einem passen.
Andererseits kann es empfehlenswert sein eine laufende Ausbildung frühzeitig abzubrechen, wenn die Fortführung des Ausbildungsverhältnisses keinen Sinn mehr macht. Gründe dafür können z. B. veränderte Interessen oder falsche Vorstellungen des Berufes sein.
Dann ist es ratsam, eine Berufsberatung und andere Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen, um im nächsten Schritt - orientiert - in die passende Ausbildung einzumünden.
Viele Betriebe sind bereit, auch demjenigen eine Chance zu geben, der nicht alle Voraussetzungen für die Ausbildung mitbringt. Wird das auch in der Berufsberatung kommuniziert?
Diese Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt beschäftigt uns tagtäglich in unserer Arbeit. Da das Angebot der Ausbildungsstellen höher ist als die Zahl der Jugendlichen, die eine Ausbildung suchen, ergibt sich ein sogenannter Bewerbermarkt. Das hat zur Folge, dass die jungen Bewerber nicht so viele Mitbewerber haben, wie es früher der Fall war. Die Arbeitgeber passen folglich die Einstellungsvoraussetzungen an, um ihre Ausbildungsstellen besetzen zu können.
Die Ausbildungsrahmenpläne der Berufe werden jedoch nicht geändert – das Erlernen des Berufes ist also nicht leichter geworden. Das führt dazu, dass viele Jugendliche im Laufe der Ausbildung überfordert sind und die Gefahr besteht, die Ausbildung nicht erfolgreich abschließen zu können. Dies ist ein großes Problem, für die Arbeitgeber und für die jungen Auszubildenden. Die Berufsberatung versucht die Jugendlichen und die Arbeitgeber intensiv und passgenau durch gezielte Stützunterrichte und Prüfungsvorbereitungen zu unterstützen. Hier arbeiten wir sehr erfolgreich mit hiesigen Trägern zusammen. Jedoch ist dies eine Entwicklung des Ausbildungsmarktes, welche die Anpassung von Ausbildungsinhalten oder eine Änderung im Bildungssystem langfristig erforderlich macht.