Kompetenzförderung – im privaten und beruflichen Bereich
Zwei Ausbildungen, ein Studium, Ausbilder bei der Polizei und heute Bürgermeister der „Bildungsstadt“ Arnsberg – zudem Ehemann und Vater von sieben Kindern.
ElternRatgeber: Herr Bittner, Wenn man sich Ihren beruflichen und politischen Werdegang ansieht, wirkt es fast so, als hätten Sie darauf hingearbeitet, Bürgermeister zu werden. Wenn da nicht die erste Ausbildung zum Zahntechniker wäre …
Ralf Paul Bittner: In der Oberstufe wollte ich Medizin oder Zahnmedizin studieren. Zur Orientierung nahm ich am damaligen Medizinertest teil und machte parallel zum Abitur ein Praktikum im Marienhospital in Arnsberg. Schließlich entschied ich mich für Zahnmedizin. Wegen der Wartezeit auf einen Studienplatz begann ich zur Überbrückung eine Ausbildung zum Zahntechniker. Das hat mir sehr gut gefallen, und ich konnte die Ausbildung mit einem sehr guten Ergebnis abschließen. Die handwerkliche Ausbildung war für mich eine wichtige Erfahrung und Bereicherung.
Warum sind Sie den ursprünglich eingeschlagenen Weg nicht weitergegangen?
Nach der Ausbildung arbeitete ich noch einige Monate bei einem Zahnarzt. Da ich während der Ausbildung bereits Vater geworden war, spielte die finanzielle Situation früh eine große Rolle. Als dann die Zusage für einen Studienplatz in Münster kam, entschied ich mich aus familiären Gründen dagegen. Heute würde ich das vielleicht anders entscheiden. Zudem verschlechterten Gesundheitsreformen damals die wirtschaftlichen Perspektiven im Zahntechnikerberuf. Deshalb suchte ich nach Alternativen und begann mit 23 Jahren eine Ausbildung zum Polizeibeamten – ein Beruf, bei dem die Arbeit mit und für Menschen im Mittelpunkt steht.
Sieben Jahre lang haben Sie Führungskräfte der Polizei des Landes NRW ausgebildet. Welche Erfahrungen daraus können Sie auf die „Bildungsstadt“ Arnsberg übertragen?
Das war eine meiner intensivsten und schönsten Tätigkeiten. Es ging nicht nur um Fachwissen – etwa bei Geiselnahmen oder nach Katastrophen –, sondern um den Menschen als Ganzes. Polizistinnen und Polizisten sind zugleich Familienmenschen, Eltern oder Kinder. Ein wichtiger Baustein war deshalb die persönliche Kompetenz, also die Fähigkeit zur Selbstführung.
Viele Kolleginnen und Kollegen hat dieser Ansatz besonders berührt und gestärkt. Vielleicht ist das auch ein Punkt, der im schulischen Alltag manchmal zu wenig berücksichtigt wird. Ich wünsche mir, dass persönliche Entwicklung und individuelle Förderung künftig noch stärker in den Blick genommen werden.
Natürlich können auch wir in Arnsberg unsere Angebote weiter verbessern. Als Stadt können wir zwar nicht direkt auf Unterrichtsinhalte einwirken, und auch bei der Berufsorientierung liegt die Federführung an anderer Stelle. Allerdings haben wir allein mit unserer Schulabgänger-Befragung herausarbeiten können, worauf wir als Bildungsgemeinschaft besonders achten müssen.
Wie verliefen die Berufswege Ihrer heute erwachsenen Söhne? Wie viel Unterstützung konnte Wie verliefen die Berufswege Ihrer heute erwachsenen Söhne? Wie viel Unterstützung konnten Sie ihnen geben?
Durch meine Ausbildung bei der Polizei, die damals noch überwiegend in geschlossenen Polizeieinrichtungen bzw. Hundertschaften stattfand, waren die ersten zwei oder drei Jahre familiär sehr schwierig. Aufgrund meiner familiären Umstände gehörte ich zu den wenigen Polizisten, die fast täglich gefahren sind. Das bedeutete damals, morgens um ca. 04.30 Uhr loszufahren und meist erst gegen 18 oder 19 Uhrwieder zuhause zu sein. Als dann in der Ausbildung mein zweites Kind geboren wurde, stiegen die familiären und beruflichen Herausforderungen weiter.
Später wurde es familiär leichter, weil ich in ca. 15 Jahren Schichtdienst durch die sich ergebenden freien Zeiten am Tag viel Zeit für die Kinder hatte. Deshalb konnte ich mich gerade bei meinen ersten beiden Söhnen sehr aktiv um die Berufsfindung und die berufliche Entwicklung kümmern und ihnen Unterstützung geben. Beide haben zunächst auch einen anderen Weg gewählt, sind dann aber in der zweiten Ausbildung ebenfalls Polizist sowie Gesundheits- und Krankenpfleger geworden. Mein dritter Sohn hat sich schnell und ebenfalls erfolgreich für einen Weg in die Technik entschieden, was ich natürlich auch sehr gern unterstützt habe.
Besonders gefreut hat mich, dass alle ihren Weg sehr konsequent und mit Herzblut verfolgen. Meinen jüngsten Sohn als Bürgermeister bei der Bestenehrung der IHK selbst auszuzeichnen, war sicherlich ein besonderes Highlight. Mein ältester Sohn hat sich für eine besonders herausfordernde Tätigkeit bei der Polizei qualifiziert, wie auch mein zweiter einen ganz besonderen Weg in der Beatmungs- und Intensivpflege geht. Das macht mich sehr stolz.
Mittlerweile geht es auch bei Ihren jüngeren Kindern so langsam um das Thema Berufsorientierung. Wer ist für sie der erste Ansprechpartner? Und welche Berufswünsche haben sie: Will vielleicht eines der Mädels Bürgermeisterin oder Polizistin werden - oder Jura studieren wie Ihre Frau?
Wie in jeder Familie ist das immer wieder mal ein Thema. Als die größeren Töchter noch kleiner waren, kam natürlich immer wieder mal „ich werde auch Polizistin“. Das ist jetzt auch bei unserer jüngsten Tochter gerade so. Insgesamt haben mittlerweile alle sehr unterschiedliche Vorstellungen, die aber noch lange nicht konkret und abschließend sind. Unsere dritte Tochter beispielsweise ist sehr naturverbunden. Die erste Ansprechpartnerin ist im Alltag meine Ehefrau. Aber häufig fragen meine Töchter auch mich, wie das früher beruflich so war und wie ich das beurteile.
Meine älteste Tochter hat immer wieder mal auch Interesse am Polizeiberuf. Da ich ein Studium der Verwaltung mit dem Abschluss Diplom-Verwaltungswirt absolviert habe, möchte auch sie ein Verwaltungspraktikum machen. Weil sie aber auch kreativ und künstlerisch begabt ist, steht ihr noch alles offen.
Meine Frau und ich sind sehr sicher, dass unsere Töchter mit unserer Unterstützung gute eigene Entscheidungen treffen.