Zukünftig wird Lernen wird nicht mehr allein vom Frontalunterricht, starren Lehrplänen und reinem Auswendiglernen geprägt sein. Vielmehr rücken selbstorganisierte Lernprozesse, individuelle Kompetenzen und die gezielte Einbindung generativer Künstlicher Intelligenz in den Mittelpunkt.

Prof. Dr. Werner Sauter, Wissenschaftlicher Leiter von ValCom, dem Institut für Werte- und Kompetenzmanagement in Berlin, erläutert im Gespräch mit imSauerland, wie „Future Learning“ (= zukunftsorientiertes Lernen) das traditionelle Bildungssystem herausfordert und welche Chancen sich daraus ergeben.  

ElternRatgeber: Was genau versteht man unter selbstorganisiertem Lernen im Zusammenspiel mit generativer KI?

Prof. Werner Sauter: Die Lernprozesse ändern sich im „Future Learning“ grundlegend und stellen die bisherigen Lernkonzepte praktisch auf den Kopf. Wurden bisher vor allem curriculare* Wissens- und Qualifikationsziele verfolgt, stehen nunmehr individuelle Werte- und Kompetenzziele der Schüler*innen im Fokus der Lernprozesse. Zukünftig beginnen die Lernprozesse mit einer realen Herausforderung. Ähnlich wie Sokrates, der durch gezieltes Fragen seine Erkenntnisse aufbaute, entwickeln die Schüler*innen im Dialog mit der generativen KI Schritt für Schritt eine Lösung für ihre Problemstellung. Deshalb müssen sie ihre neue Schlüsselkompetenz, mit Prompts (= Eingabeaufforderungen) die KI gezielt zu steuern, im Rahmen ihrer Anwendungsaufgaben schrittweise aufbauen. Sie formulieren deshalb ihre Prompts oder Fragen, wenden die Antworten umgehend problemlösend an, haken nach, wenn einzelne Punkte unklar sind und kommen damit der Lösung immer näher. KI-gestütztes Lernen ist damit ein dialogischer Prozess, der Reflexionsvermögen, Urteilsfähigkeit und Transferdenken fördert. Die erarbeiteten Inhalte werden sofort angewandt, so dass ein tiefes Verständnis und nachhaltiges Lernen ermöglicht wird.

Selbstorganisiertes Lernen - das klingt zunächst vielversprechend. Doch wie steht es um jene Schüler, die nur mit Mühe ihren Hauptschulabschluss geschafft haben? Besteht die Gefahr, dass sie von dieser Entwicklung abgehängt werden? Werden Bildungsungleichheiten am Ende sogar noch verschärft?

Der Trend geht seit vielen Jahren zu mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation im Prozess der Arbeit. In ihrem späteren Berufsleben werden die Schüler*innen deshalb nahezu ohne Ausnahme mehr oder weniger komplexe Aufgaben selbstorganisiert bewältigen müssen. Mit der fast explosionsartigen Verbreitung der generativen Künstlichen Intelligenz hat diese Entwicklung einen deutlich verstärkten Schub erfahren.

Dann müssen aber auch die Lernkonzepte bereits in den Schulen das selbstorganisierte Lernen fördern. Wenn die Schüler*innen nur fremdorganisierte Lehr-/Lernsysteme erfahren, werden sie ihre Kompetenz zum selbstorganisierten Problemlösen nicht aufbauen können.

Natürlich können alle Schüler*innen selbstorganisiert lernen. Viele haben diese Kompetenz jedoch in ihrer Schulentwicklung nicht systematisch weiterentwickelt oder gar verlernt. Deshalb werden Lernkonzepte benötigt, die es den Schüler*innen ermöglichen, anknüpfend an ihren aktuellen Kompetenzen diese Fähigkeiten zielgerichtet aufzubauen.

Schon immer haben sich Schüler darüber beklagt, in der Schule zu viel scheinbar „Unnötiges“ lernen zu müssen. Müssen wir das Lernen also grundsätzlich neu denken – weg vom „Lernen auf Vorrat“ hin zu einem gezielten, situationsbezogenen Lernen? Andererseits fördert das klassische Auswendiglernen doch die Gedächtnisleistung und die Merkfähigkeit …

Lernen ist ein individueller, personalisierter Prozess. Deshalb ist es nicht sinnvoll, alle Schüler*innen unabhängig von ihrem Vorwissen, ihren Erfahrungen, ihrer Lernmethode oder ihrer Lerngeschwindigkeit nach einem – meist wissenslastigen – Curriculum auf Vorrat zu „belehren“. Wir haben heute mit Hilfe der KI-basierten Skills-Diagnostik die Möglichkeit, es den Schüler*innen zu ermöglichen, im Rahmen von Richtzielen ihre individuellen Lernziele werte- und kompetenzorientiert zu formulieren. Die KI kann ihnen daraus abgeleitet Vorschläge für ihre personalisierten Lernprozesse machen, so dass sie in Abstimmung mit ihrem Lehrer „maßgeschneiderte“ Lernpfade umsetzen können.

Das klassische Auswendiglernen ist eine spezifische Lerntechnik, die nur ein Ziel hat, in einer Prüfung das Wissen darstellen zu können („Bulimielernen“). Die eigentliche kognitive Herausforderung ist jedoch die Fähigkeit, neues Wissen problemlösend anzuwenden. Wir wissen aus der Gehirnforschung, dass Nachhaltiges nur auf der kognitiven Ebene nicht möglich ist. Vielmehr wird neues Wissen erst dann nachhaltig verinnerlicht, wenn es mit emotional verknüpften Erfahrungen angewandt wird. Hinzu kommt, dass Auswendiglernen nur mit äußerem Druck (Prüfung) initiiert werden kann, während problemlösendes Lernen, z. B. in Projekten, meist mit einer hohen intrinsischen Motivation verbunden ist und damit auch mehr Spaß macht.


„In ihrem späteren Berufsleben werden die Schüler*innen deshalb nahezu ohne Ausnahme mehr oder weniger komplexe Aufgaben selbstorganisiert bewältigen müssen“ (Professor Dr. Werner Sauter)


In der letzten Zeit war oft zu lesen, dass viele Jugendliche nicht kritisch genug sind, wenn es um Nachrichten in den Sozialen Medien geht. Offenbar gibt es da ein Defizit. Dabei wird gerade analytisches und kreatives Denken in Zukunft noch stärker im Berufsleben gefragt sein. Doch wie kann man dies den Kindern und Jugendlichen am besten vermitteln?

Die Kompetenz analytisch und kreativ zu handeln, kann nur bei Bewältigung von realen Herausforderungen selbstorganisiert durch die Schüler aufgebaut werden, indem sie ihre Erfahrungen als Werte verinnerlichen („interiorisieren“). Belehrungen helfen dabei nichts. Deshalb sollten sie im Rahmen von Projektaufträgen, die auf ihre Leistungsfähigkeit angepasst sind, Herausforderungen bearbeiten, bei denen diese Kompetenz von besonderer Bedeutung ist, über ihre Lösungen mit den anderen Schüler*innen reflektieren und daraus abgeleitet ihre Lösungsansätze optimieren. Mögliche Projekte könnten sein, die Aussagen der Parteien im Wahlkampf zu analysieren und kritisch zu bewerten oder in der eigenen Gemeinde Lösungen zu entwickeln, um die Umweltbelastung zu verringern.

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Zukünftig wird Lernen wird nicht mehr allein vom Frontalunterricht, starren Lehrplänen und reinem Auswendiglernen geprägt sein. Vielmehr rücken selbstorganisierte Lernprozesse, individuelle Kompetenzen und die gezielte Einbindung generativer Künstlicher Intelligenz in den Mittelpunkt.

Prof. Dr. Werner Sauter, Wissenschaftlicher Leiter von ValCom, dem Institut für Werte- und Kompetenzmanagement in Berlin, erläutert im Gespräch mit imSauerland, wie „Future Learning“ (= zukunftsorientiertes Lernen) das traditionelle Bildungssystem herausfordert und welche Chancen sich daraus ergeben.  

ElternRatgeber: Was genau versteht man unter selbstorganisiertem Lernen im Zusammenspiel mit generativer KI?

Prof. Werner Sauter: Die Lernprozesse ändern sich im „Future Learning“ grundlegend und stellen die bisherigen Lernkonzepte praktisch auf den Kopf. Wurden bisher vor allem curriculare* Wissens- und Qualifikationsziele verfolgt, stehen nunmehr individuelle Werte- und Kompetenzziele der Schüler*innen im Fokus der Lernprozesse. Zukünftig beginnen die Lernprozesse mit einer realen Herausforderung. Ähnlich wie Sokrates, der durch gezieltes Fragen seine Erkenntnisse aufbaute, entwickeln die Schüler*innen im Dialog mit der generativen KI Schritt für Schritt eine Lösung für ihre Problemstellung. Deshalb müssen sie ihre neue Schlüsselkompetenz, mit Prompts (= Eingabeaufforderungen) die KI gezielt zu steuern, im Rahmen ihrer Anwendungsaufgaben schrittweise aufbauen. Sie formulieren deshalb ihre Prompts oder Fragen, wenden die Antworten umgehend problemlösend an, haken nach, wenn einzelne Punkte unklar sind und kommen damit der Lösung immer näher. KI-gestütztes Lernen ist damit ein dialogischer Prozess, der Reflexionsvermögen, Urteilsfähigkeit und Transferdenken fördert. Die erarbeiteten Inhalte werden sofort angewandt, so dass ein tiefes Verständnis und nachhaltiges Lernen ermöglicht wird.

Selbstorganisiertes Lernen - das klingt zunächst vielversprechend. Doch wie steht es um jene Schüler, die nur mit Mühe ihren Hauptschulabschluss geschafft haben? Besteht die Gefahr, dass sie von dieser Entwicklung abgehängt werden? Werden Bildungsungleichheiten am Ende sogar noch verschärft?

Der Trend geht seit vielen Jahren zu mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation im Prozess der Arbeit. In ihrem späteren Berufsleben werden die Schüler*innen deshalb nahezu ohne Ausnahme mehr oder weniger komplexe Aufgaben selbstorganisiert bewältigen müssen. Mit der fast explosionsartigen Verbreitung der generativen Künstlichen Intelligenz hat diese Entwicklung einen deutlich verstärkten Schub erfahren.

Dann müssen aber auch die Lernkonzepte bereits in den Schulen das selbstorganisierte Lernen fördern. Wenn die Schüler*innen nur fremdorganisierte Lehr-/Lernsysteme erfahren, werden sie ihre Kompetenz zum selbstorganisierten Problemlösen nicht aufbauen können.

Natürlich können alle Schüler*innen selbstorganisiert lernen. Viele haben diese Kompetenz jedoch in ihrer Schulentwicklung nicht systematisch weiterentwickelt oder gar verlernt. Deshalb werden Lernkonzepte benötigt, die es den Schüler*innen ermöglichen, anknüpfend an ihren aktuellen Kompetenzen diese Fähigkeiten zielgerichtet aufzubauen.

Schon immer haben sich Schüler darüber beklagt, in der Schule zu viel scheinbar „Unnötiges“ lernen zu müssen. Müssen wir das Lernen also grundsätzlich neu denken – weg vom „Lernen auf Vorrat“ hin zu einem gezielten, situationsbezogenen Lernen? Andererseits fördert das klassische Auswendiglernen doch die Gedächtnisleistung und die Merkfähigkeit …

Lernen ist ein individueller, personalisierter Prozess. Deshalb ist es nicht sinnvoll, alle Schüler*innen unabhängig von ihrem Vorwissen, ihren Erfahrungen, ihrer Lernmethode oder ihrer Lerngeschwindigkeit nach einem – meist wissenslastigen – Curriculum auf Vorrat zu „belehren“. Wir haben heute mit Hilfe der KI-basierten Skills-Diagnostik die Möglichkeit, es den Schüler*innen zu ermöglichen, im Rahmen von Richtzielen ihre individuellen Lernziele werte- und kompetenzorientiert zu formulieren. Die KI kann ihnen daraus abgeleitet Vorschläge für ihre personalisierten Lernprozesse machen, so dass sie in Abstimmung mit ihrem Lehrer „maßgeschneiderte“ Lernpfade umsetzen können.

Das klassische Auswendiglernen ist eine spezifische Lerntechnik, die nur ein Ziel hat, in einer Prüfung das Wissen darstellen zu können („Bulimielernen“). Die eigentliche kognitive Herausforderung ist jedoch die Fähigkeit, neues Wissen problemlösend anzuwenden. Wir wissen aus der Gehirnforschung, dass Nachhaltiges nur auf der kognitiven Ebene nicht möglich ist. Vielmehr wird neues Wissen erst dann nachhaltig verinnerlicht, wenn es mit emotional verknüpften Erfahrungen angewandt wird. Hinzu kommt, dass Auswendiglernen nur mit äußerem Druck (Prüfung) initiiert werden kann, während problemlösendes Lernen, z. B. in Projekten, meist mit einer hohen intrinsischen Motivation verbunden ist und damit auch mehr Spaß macht.


„In ihrem späteren Berufsleben werden die Schüler*innen deshalb nahezu ohne Ausnahme mehr oder weniger komplexe Aufgaben selbstorganisiert bewältigen müssen“ (Professor Dr. Werner Sauter)


In der letzten Zeit war oft zu lesen, dass viele Jugendliche nicht kritisch genug sind, wenn es um Nachrichten in den Sozialen Medien geht. Offenbar gibt es da ein Defizit. Dabei wird gerade analytisches und kreatives Denken in Zukunft noch stärker im Berufsleben gefragt sein. Doch wie kann man dies den Kindern und Jugendlichen am besten vermitteln?

Die Kompetenz analytisch und kreativ zu handeln, kann nur bei Bewältigung von realen Herausforderungen selbstorganisiert durch die Schüler aufgebaut werden, indem sie ihre Erfahrungen als Werte verinnerlichen („interiorisieren“). Belehrungen helfen dabei nichts. Deshalb sollten sie im Rahmen von Projektaufträgen, die auf ihre Leistungsfähigkeit angepasst sind, Herausforderungen bearbeiten, bei denen diese Kompetenz von besonderer Bedeutung ist, über ihre Lösungen mit den anderen Schüler*innen reflektieren und daraus abgeleitet ihre Lösungsansätze optimieren. Mögliche Projekte könnten sein, die Aussagen der Parteien im Wahlkampf zu analysieren und kritisch zu bewerten oder in der eigenen Gemeinde Lösungen zu entwickeln, um die Umweltbelastung zu verringern.

Zukünftig wird Lernen wird nicht mehr allein vom Frontalunterricht, starren Lehrplänen und reinem Auswendiglernen geprägt sein. Vielmehr rücken selbstorganisierte Lernprozesse, individuelle Kompetenzen und die gezielte Einbindung generativer Künstlicher Intelligenz in den Mittelpunkt.

Prof. Dr. Werner Sauter, Wissenschaftlicher Leiter von ValCom, dem Institut für Werte- und Kompetenzmanagement in Berlin, erläutert im Gespräch mit imSauerland, wie „Future Learning“ (= zukunftsorientiertes Lernen) das traditionelle Bildungssystem herausfordert und welche Chancen sich daraus ergeben.  

ElternRatgeber: Was genau versteht man unter selbstorganisiertem Lernen im Zusammenspiel mit generativer KI?

Prof. Werner Sauter: Die Lernprozesse ändern sich im „Future Learning“ grundlegend und stellen die bisherigen Lernkonzepte praktisch auf den Kopf. Wurden bisher vor allem curriculare* Wissens- und Qualifikationsziele verfolgt, stehen nunmehr individuelle Werte- und Kompetenzziele der Schüler*innen im Fokus der Lernprozesse. Zukünftig beginnen die Lernprozesse mit einer realen Herausforderung. Ähnlich wie Sokrates, der durch gezieltes Fragen seine Erkenntnisse aufbaute, entwickeln die Schüler*innen im Dialog mit der generativen KI Schritt für Schritt eine Lösung für ihre Problemstellung. Deshalb müssen sie ihre neue Schlüsselkompetenz, mit Prompts (= Eingabeaufforderungen) die KI gezielt zu steuern, im Rahmen ihrer Anwendungsaufgaben schrittweise aufbauen. Sie formulieren deshalb ihre Prompts oder Fragen, wenden die Antworten umgehend problemlösend an, haken nach, wenn einzelne Punkte unklar sind und kommen damit der Lösung immer näher. KI-gestütztes Lernen ist damit ein dialogischer Prozess, der Reflexionsvermögen, Urteilsfähigkeit und Transferdenken fördert. Die erarbeiteten Inhalte werden sofort angewandt, so dass ein tiefes Verständnis und nachhaltiges Lernen ermöglicht wird.

Selbstorganisiertes Lernen - das klingt zunächst vielversprechend. Doch wie steht es um jene Schüler, die nur mit Mühe ihren Hauptschulabschluss geschafft haben? Besteht die Gefahr, dass sie von dieser Entwicklung abgehängt werden? Werden Bildungsungleichheiten am Ende sogar noch verschärft?

Der Trend geht seit vielen Jahren zu mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation im Prozess der Arbeit. In ihrem späteren Berufsleben werden die Schüler*innen deshalb nahezu ohne Ausnahme mehr oder weniger komplexe Aufgaben selbstorganisiert bewältigen müssen. Mit der fast explosionsartigen Verbreitung der generativen Künstlichen Intelligenz hat diese Entwicklung einen deutlich verstärkten Schub erfahren.

Dann müssen aber auch die Lernkonzepte bereits in den Schulen das selbstorganisierte Lernen fördern. Wenn die Schüler*innen nur fremdorganisierte Lehr-/Lernsysteme erfahren, werden sie ihre Kompetenz zum selbstorganisierten Problemlösen nicht aufbauen können.

Natürlich können alle Schüler*innen selbstorganisiert lernen. Viele haben diese Kompetenz jedoch in ihrer Schulentwicklung nicht systematisch weiterentwickelt oder gar verlernt. Deshalb werden Lernkonzepte benötigt, die es den Schüler*innen ermöglichen, anknüpfend an ihren aktuellen Kompetenzen diese Fähigkeiten zielgerichtet aufzubauen.

Schon immer haben sich Schüler darüber beklagt, in der Schule zu viel scheinbar „Unnötiges“ lernen zu müssen. Müssen wir das Lernen also grundsätzlich neu denken – weg vom „Lernen auf Vorrat“ hin zu einem gezielten, situationsbezogenen Lernen? Andererseits fördert das klassische Auswendiglernen doch die Gedächtnisleistung und die Merkfähigkeit …

Lernen ist ein individueller, personalisierter Prozess. Deshalb ist es nicht sinnvoll, alle Schüler*innen unabhängig von ihrem Vorwissen, ihren Erfahrungen, ihrer Lernmethode oder ihrer Lerngeschwindigkeit nach einem – meist wissenslastigen – Curriculum auf Vorrat zu „belehren“. Wir haben heute mit Hilfe der KI-basierten Skills-Diagnostik die Möglichkeit, es den Schüler*innen zu ermöglichen, im Rahmen von Richtzielen ihre individuellen Lernziele werte- und kompetenzorientiert zu formulieren. Die KI kann ihnen daraus abgeleitet Vorschläge für ihre personalisierten Lernprozesse machen, so dass sie in Abstimmung mit ihrem Lehrer „maßgeschneiderte“ Lernpfade umsetzen können.

Das klassische Auswendiglernen ist eine spezifische Lerntechnik, die nur ein Ziel hat, in einer Prüfung das Wissen darstellen zu können („Bulimielernen“). Die eigentliche kognitive Herausforderung ist jedoch die Fähigkeit, neues Wissen problemlösend anzuwenden. Wir wissen aus der Gehirnforschung, dass Nachhaltiges nur auf der kognitiven Ebene nicht möglich ist. Vielmehr wird neues Wissen erst dann nachhaltig verinnerlicht, wenn es mit emotional verknüpften Erfahrungen angewandt wird. Hinzu kommt, dass Auswendiglernen nur mit äußerem Druck (Prüfung) initiiert werden kann, während problemlösendes Lernen, z. B. in Projekten, meist mit einer hohen intrinsischen Motivation verbunden ist und damit auch mehr Spaß macht.


„In ihrem späteren Berufsleben werden die Schüler*innen deshalb nahezu ohne Ausnahme mehr oder weniger komplexe Aufgaben selbstorganisiert bewältigen müssen“ (Professor Dr. Werner Sauter)


In der letzten Zeit war oft zu lesen, dass viele Jugendliche nicht kritisch genug sind, wenn es um Nachrichten in den Sozialen Medien geht. Offenbar gibt es da ein Defizit. Dabei wird gerade analytisches und kreatives Denken in Zukunft noch stärker im Berufsleben gefragt sein. Doch wie kann man dies den Kindern und Jugendlichen am besten vermitteln?

Die Kompetenz analytisch und kreativ zu handeln, kann nur bei Bewältigung von realen Herausforderungen selbstorganisiert durch die Schüler aufgebaut werden, indem sie ihre Erfahrungen als Werte verinnerlichen („interiorisieren“). Belehrungen helfen dabei nichts. Deshalb sollten sie im Rahmen von Projektaufträgen, die auf ihre Leistungsfähigkeit angepasst sind, Herausforderungen bearbeiten, bei denen diese Kompetenz von besonderer Bedeutung ist, über ihre Lösungen mit den anderen Schüler*innen reflektieren und daraus abgeleitet ihre Lösungsansätze optimieren. Mögliche Projekte könnten sein, die Aussagen der Parteien im Wahlkampf zu analysieren und kritisch zu bewerten oder in der eigenen Gemeinde Lösungen zu entwickeln, um die Umweltbelastung zu verringern.

Zukünftig wird Lernen wird nicht mehr allein vom Frontalunterricht, starren Lehrplänen und reinem Auswendiglernen geprägt sein. Vielmehr rücken selbstorganisierte Lernprozesse, individuelle Kompetenzen und die gezielte Einbindung generativer Künstlicher Intelligenz in den Mittelpunkt.

Prof. Dr. Werner Sauter, Wissenschaftlicher Leiter von ValCom, dem Institut für Werte- und Kompetenzmanagement in Berlin, erläutert im Gespräch mit imSauerland, wie „Future Learning“ (= zukunftsorientiertes Lernen) das traditionelle Bildungssystem herausfordert und welche Chancen sich daraus ergeben.  

ElternRatgeber: Was genau versteht man unter selbstorganisiertem Lernen im Zusammenspiel mit generativer KI?

Prof. Werner Sauter: Die Lernprozesse ändern sich im „Future Learning“ grundlegend und stellen die bisherigen Lernkonzepte praktisch auf den Kopf. Wurden bisher vor allem curriculare* Wissens- und Qualifikationsziele verfolgt, stehen nunmehr individuelle Werte- und Kompetenzziele der Schüler*innen im Fokus der Lernprozesse. Zukünftig beginnen die Lernprozesse mit einer realen Herausforderung. Ähnlich wie Sokrates, der durch gezieltes Fragen seine Erkenntnisse aufbaute, entwickeln die Schüler*innen im Dialog mit der generativen KI Schritt für Schritt eine Lösung für ihre Problemstellung. Deshalb müssen sie ihre neue Schlüsselkompetenz, mit Prompts (= Eingabeaufforderungen) die KI gezielt zu steuern, im Rahmen ihrer Anwendungsaufgaben schrittweise aufbauen. Sie formulieren deshalb ihre Prompts oder Fragen, wenden die Antworten umgehend problemlösend an, haken nach, wenn einzelne Punkte unklar sind und kommen damit der Lösung immer näher. KI-gestütztes Lernen ist damit ein dialogischer Prozess, der Reflexionsvermögen, Urteilsfähigkeit und Transferdenken fördert. Die erarbeiteten Inhalte werden sofort angewandt, so dass ein tiefes Verständnis und nachhaltiges Lernen ermöglicht wird.

Selbstorganisiertes Lernen - das klingt zunächst vielversprechend. Doch wie steht es um jene Schüler, die nur mit Mühe ihren Hauptschulabschluss geschafft haben? Besteht die Gefahr, dass sie von dieser Entwicklung abgehängt werden? Werden Bildungsungleichheiten am Ende sogar noch verschärft?

Der Trend geht seit vielen Jahren zu mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation im Prozess der Arbeit. In ihrem späteren Berufsleben werden die Schüler*innen deshalb nahezu ohne Ausnahme mehr oder weniger komplexe Aufgaben selbstorganisiert bewältigen müssen. Mit der fast explosionsartigen Verbreitung der generativen Künstlichen Intelligenz hat diese Entwicklung einen deutlich verstärkten Schub erfahren.

Dann müssen aber auch die Lernkonzepte bereits in den Schulen das selbstorganisierte Lernen fördern. Wenn die Schüler*innen nur fremdorganisierte Lehr-/Lernsysteme erfahren, werden sie ihre Kompetenz zum selbstorganisierten Problemlösen nicht aufbauen können.

Natürlich können alle Schüler*innen selbstorganisiert lernen. Viele haben diese Kompetenz jedoch in ihrer Schulentwicklung nicht systematisch weiterentwickelt oder gar verlernt. Deshalb werden Lernkonzepte benötigt, die es den Schüler*innen ermöglichen, anknüpfend an ihren aktuellen Kompetenzen diese Fähigkeiten zielgerichtet aufzubauen.

Schon immer haben sich Schüler darüber beklagt, in der Schule zu viel scheinbar „Unnötiges“ lernen zu müssen. Müssen wir das Lernen also grundsätzlich neu denken – weg vom „Lernen auf Vorrat“ hin zu einem gezielten, situationsbezogenen Lernen? Andererseits fördert das klassische Auswendiglernen doch die Gedächtnisleistung und die Merkfähigkeit …

Lernen ist ein individueller, personalisierter Prozess. Deshalb ist es nicht sinnvoll, alle Schüler*innen unabhängig von ihrem Vorwissen, ihren Erfahrungen, ihrer Lernmethode oder ihrer Lerngeschwindigkeit nach einem – meist wissenslastigen – Curriculum auf Vorrat zu „belehren“. Wir haben heute mit Hilfe der KI-basierten Skills-Diagnostik die Möglichkeit, es den Schüler*innen zu ermöglichen, im Rahmen von Richtzielen ihre individuellen Lernziele werte- und kompetenzorientiert zu formulieren. Die KI kann ihnen daraus abgeleitet Vorschläge für ihre personalisierten Lernprozesse machen, so dass sie in Abstimmung mit ihrem Lehrer „maßgeschneiderte“ Lernpfade umsetzen können.

Das klassische Auswendiglernen ist eine spezifische Lerntechnik, die nur ein Ziel hat, in einer Prüfung das Wissen darstellen zu können („Bulimielernen“). Die eigentliche kognitive Herausforderung ist jedoch die Fähigkeit, neues Wissen problemlösend anzuwenden. Wir wissen aus der Gehirnforschung, dass Nachhaltiges nur auf der kognitiven Ebene nicht möglich ist. Vielmehr wird neues Wissen erst dann nachhaltig verinnerlicht, wenn es mit emotional verknüpften Erfahrungen angewandt wird. Hinzu kommt, dass Auswendiglernen nur mit äußerem Druck (Prüfung) initiiert werden kann, während problemlösendes Lernen, z. B. in Projekten, meist mit einer hohen intrinsischen Motivation verbunden ist und damit auch mehr Spaß macht.


„In ihrem späteren Berufsleben werden die Schüler*innen deshalb nahezu ohne Ausnahme mehr oder weniger komplexe Aufgaben selbstorganisiert bewältigen müssen“ (Professor Dr. Werner Sauter)


In der letzten Zeit war oft zu lesen, dass viele Jugendliche nicht kritisch genug sind, wenn es um Nachrichten in den Sozialen Medien geht. Offenbar gibt es da ein Defizit. Dabei wird gerade analytisches und kreatives Denken in Zukunft noch stärker im Berufsleben gefragt sein. Doch wie kann man dies den Kindern und Jugendlichen am besten vermitteln?

Die Kompetenz analytisch und kreativ zu handeln, kann nur bei Bewältigung von realen Herausforderungen selbstorganisiert durch die Schüler aufgebaut werden, indem sie ihre Erfahrungen als Werte verinnerlichen („interiorisieren“). Belehrungen helfen dabei nichts. Deshalb sollten sie im Rahmen von Projektaufträgen, die auf ihre Leistungsfähigkeit angepasst sind, Herausforderungen bearbeiten, bei denen diese Kompetenz von besonderer Bedeutung ist, über ihre Lösungen mit den anderen Schüler*innen reflektieren und daraus abgeleitet ihre Lösungsansätze optimieren. Mögliche Projekte könnten sein, die Aussagen der Parteien im Wahlkampf zu analysieren und kritisch zu bewerten oder in der eigenen Gemeinde Lösungen zu entwickeln, um die Umweltbelastung zu verringern.

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