Die Elite des alten „Mescede“ Hünenburg und Emhildisstift

Steven Spielberg gehört nicht zu meinem Bekanntenkreis. Schade eigentlich. Für ihn. Denn sollten ihm einmal die Ideen für historische Filme ausgehen, könnte ich ihm gleich so einige Sauerländer Vorlagen bieten, die – da ist wieder sein Können gefragt – zu echten Verkaufsschlagern werden könnten. Zum Beispiel die Geschichte der hochgebildeten Äbtissinnen des Emhildisstiftes in “Mescede” und ihrer adligen Verwandtschaft auf der Hünenburg. 

Text: Christel Zidi , Fotos: S. Droste 

Doch kommen wir zunächst zu den Fakten. Die zeugen von der großen Bedeutung der heutigen Kreisstadt. Nicht nur als Knotenpunkt wichtiger Fernwege, auch als Ort des Wissens, der Kultur und Bildung. Das Stift im Tal und die Burg, 70 Meter oberhalb der Ruhr, standen nicht nur in Sicht-Verbindung. Forscher diskutieren heute darüber, ob die Hünenburg der Stammsitz der Grafen des Lochtropgaus (Gebiet zwischen Ruhr und Lenne) war. 

Dr. Leo Klinke konnte anhand archäoinformatischer Methoden nachweisen, „dass es konkrete und hochqualitative Sichtbarkeitsbeziehungen zwischen dem Mescheder Stift und der Hünenburg gab”. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Altertumskommission des LWL stellt fest: „Die Hünenburg ist im Kontext eines baulichen Ensembles mit dem Stift zu verstehen und verdeutlichte den Machtanspruch der örtlichen Elite“.  

Dieses „Ensemble“ ist auch im Bericht der früheren Mescheder Stadtarchivarin Ursula Jung zu erkennen. Sie gibt an, dass die Hünenburg und eine Missionskirche wohl gleichzeitig entstanden. Durch den Fund einer Keramikscherbe Pingsdorfer Machart im Jahre 1973 lässt sich bis ins frühe 10. Jahrhundert zurückverfolgen, dass Menschen auf dem Gelände der Hünenburg lebten.  

Auch wenn in der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1481 die Burg noch als „Hunenborgh“ bezeichnet wurde, sind sich die meisten Forscher darüber einig, dass der Name nichts mit dem Reitervolk der Hunnen zu tun hat, sondern sich auf die Größe der Anlage bezieht, für die es, so hieß es, es Hünen beduft hätte, um sie zu errichten”.  

Ein solcher, wenn man es auf seine Bedeutung bezieht, war wohl Kaiser Karl I. Meschedes frühere Stadtarchivarin Ursula Jung schrieb dazu: “Man vermutet, dass Karl der Große, der von 778 bis 804 die Sachsenkriege führte, die Hünenburg bauen ließ, um hier, wie bei den Karolingern üblich, an strategisch bedeutender Stelle mit Besatzungstruppen seine Vormarschwege zu sichern.” 

Grafensitz und/oder Fliehburg?

Bei früheren Forschungen in den Jahren 1909 bis 1914 fanden Archäologen auf dem Gelände der Hünenburg u. a.  ein bronzenes Absatzbeil aus der Zeit vor Entstehung der Burg. Was sie allerdings nirgends fanden, war eine Anlage, die die Wasserversorgung sichergestellt hätte. Sie und der frühere Ortsheimatpfleger Reinhard Köhne vermuteten daher, dass es sich um eine reine Schutzburg, eine Fliehburg handelte, die nicht für einen längeren Aufenthalt, sondern eher zum Schutz gegen Ungarneinfälle gedacht war.    

Dagegen spricht nicht nur die verkehrsgeografische Lage, wie Dr. Leo Klinke herausfand. Durch seine umfangreichen Forschungen kam der Archäologe zu einem anderen Zweck, den die Burg hauptsächlich innehatte: 

Korrespondierende Sichtverbindung 

„Mit landschaftsarchäologischen Methoden ist deutlich zu erkennen, dass die etwa zwei bis drei Meter über den Wassersystemen von Henne und Ruhr liegende Hochterrasse, auf der sich das Stift und die historische Ansiedlung von Meschede befunden haben, von nahezu allen Standorten der Hünenburg zu sehen ist. Wird eine Sichtbarkeitsanalyse von hier aus errechnet, so zeigt sich, dass ausschließlich der einsehbare Bereich des Bergrückens durch die Burganlage bebaut ist. Bereiche oberhalb der Hünenburg sind nicht mehr im äußeren Bering eingeschlossen worden. Die Hünenburg ist in korrespondierender Sichtverbindung zum Stift und zur Mescheder Ansiedlung errichtet worden.“ 

Machtsymbole über der Ruhr 

Seine These unterstützt Dr. Klinke auch durch archäologische Befunde der frühen Hünenburg-Ausgrabungen. Diese weisen an Teilbereichen ihrer Befestigungsmauern hochwertigeres Mörtelmauerwerk nach: an exponierten Positionen der Tore, in der Hauptburg sowie an der westlichen und südlichen Mauer der Vorburg. „Die Sichtbarkeitsanalyse belegt, dass exakt diese Mauerbereiche von Meschede aus erkennbar gewesen sind“, so Dr. Klinke, „Aus verkehrsgeografischer Sicht lag das Stift Meschede am Knotenpunkt der Fernwege. Von hier aus sollte die Hünenburg als imposantes Bauwerk wahrgenommen werden. Sie diente der lokalen und überregionalen Machtdemonstration. 

In diesem Kontext ist auch die nachträgliche Errichtung des Rundturms zu verstehen, denn er wurde so in die nordöstliche Mauer der Hauptburg integriert, dass er sich nahezu im Mittelpunkt des Hünenburgareals befand. […] Folglich ergibt sich eine Mindesthöhe des Turms von 19,40 m. Nur von diesem erhöhten Standpunkt aus ist es möglich, den Ruhrübergang bei der natürlichen Furt zwischen Gebke- und Hennemündung einzusehen. Die Errichtung des Turms diente also sowohl einer Optimierung der Befestigungsanlage als Fernweg-Kontrollpunkt als auch dem Mescheder Stift als weiteres Machtsymbol am verkehrsgeografischen Knotenpunkt.“  

Vier Tore und eine Eisenschmelze 

Gleich vier Tore hatte die Hünenburg. Eher selten für westfälische Burgen dieser Zeit. Drei Tore – zwei im Osten, eines in der Nordwestecke - unterbrachen die Mauern der äußeren Burg, eines führte zur Hauptburg. Es wird sich um sogenannte Zangentore gehandelt haben, mit einem schmaleren inneren und einem breiteren äußeren Bereich. Der sie umgebende Graben ist heute weitgehend zugeschüttet, im Mittelalter war er zwischen 7,5 und 12 Meter breit und hatte eine Tiefe von drei bis fünf Metern.   

Im Inneren der Burg befand sich eine Eisenschmelze. Abgebaut wurde Eisenerz gleich in der Nähe, in Eversberg. Auf einem Weg, direkt unterhalb der Burg, am Südhang der Hardt, kam man in leicht östlicher Richtung zu den Pingenfeldern.

Adlige Äbtissinnen in der Keimzelle Meschedes

Das Kanonissenstift, urkundlich erstmals 913 als „monasterio Mescedi“ von König Konrad I. erwähnt, wurde um das Jahr 870 gegründet. Es spielte eine wichtige Rolle bei der frühen Christianisierung. Als Gründerin gilt Emhildis, die erste Äbtissin des Stiftes. Es wird vermutet, dass sie der sogenannten „Ricdagsippe“ angehörte, einer Adelsfamilie des Stammesherzogtums Sachsen, aus dem auch die Grafen von Werl und Arnsberg hervorgingen. Diese Adelsfamilie besaß viel Land, u. a. im Lochtropgau, also im Gebiet zwischen Ruhr und Lenne. Auch die spätere Äbtissin Hitda, die für das frühmittelalterliche Stift einen Prachtband mit ottonischer Buchmalerei, den „Hitda-Codex“, fertigen ließ, soll in verwandtschaftlicher Verbindung zum Grafengeschlecht und zum ottonischen bzw. burgundischen Königshaus gestanden haben. Ihre hohe Herkunft würde erklären, warum sie Meschede zahlreiche Stiftungen und Kostbarkeiten hinterlassen konnte, unter anderem eine goldene, edelsteinbesetzte Madonna. Das Stift verfügte auch über mehrere Salzhäuser in Westernkotten und Sassendorf. Am Rhein (Limperich, Vilich, Rheindorf und Beuel) besaß es mehrere Besitzungen, die Weinversorgung - für Gäste und den Eigenbedarf - war also gesichert. Auch die anderen Stiftsdamen waren meist adliger Herkunft. Sie legten keine Gelübde ab und konnten das Stift auch wieder verlassen und dann auch heiraten. 

Aus einem kleinen Wirtschaftshof hatte sich bald ein wohlhabender Betrieb entwickelt, der weitreichende Besitzungen und Privilegien besaß, und als die Keimzelle Meschedes betrachtet werden kann.  

Im Spätmittelalter wurde das Damenstift aufgrund von, wie es hieß, Misswirtschaft fast bedeutungslos. Der weit verstreute Besitz und Ablösung von Naturalabgaben durch Geldleistungen, außerdem die geänderte Einstellung der abhängigen Bauern, die sich mehr und mehr als Besitzer sahen und die Zahlungen an das Stift einstellten, trugen wohl zum Niedergang bei. Es kam auch Kritik an der Verweltlichung der Stiftsdamen auf, die sich in den ersten Jahrhunderten des Stiftes noch streng an geistliche Regeln gehalten hatten.

Das erste Mescheder Schulwesen 

Die ersten christianisierten Sauerländer lebten oft noch nach heidnisch-germanischen Sitten, daher hatte das Stift eine wichtige religiöse und kulturelle Bedeutung. “Die Elite der eben christianisierten Sachsen machte sich die Vorteile der neuen Religion zunutze und schickte ihre Töchter in diese genossenschaftlichen Einrichtungen”, schreibt Historikerin Ursula Jung. “Dass in Meschede eine Schule zur Ausbildung der weiblichen Jugend existierte, ist zwar nicht direkt überliefert, aber in einer Urkunde von 1177 wird eine magistra, eine Lehrerin Mathilde genannt, die mit der scholastica anderer Stifter identisch sein dürfte.”  

Auch eine Bildungsanstalt für Jungen gab es, vor allem für die, die in den geistlichen Stand eintreten wollten/sollten. Ursula Jung macht auch deutlich, dass in Meschede dem Schulwesen überhaupt große Aufmerksamkeit geschenkt wurde: “Das zeigt das Vorhandensein eines schon 1263 erwähnten „rector scholarum“ in Meschede in der Person eines Kanonikus.” 

Nach dem Tod der letzten Äbtissin, Agnes von Arnsberg – das Stift zählt zu diesem Zeitpunkt 20 Stiftsdamen - wurde es 1310 in ein Kanonikerstift umgewandelt.  

Dessen Gelehrtenschule hatte einen hervorragenden Ruf: Nicht wenige Studenten der Universitäten Erfurt und Köln erhielten hier ihre Grundausbildung. Hervorzuheben sind die drei Mescheder Brüder Gresemund: Gottschalk und Hermann waren später als Rektoren in Erfurt tätig, Dietrich war Professor für Medizin an der alten Universität Mainz, er gilt als Vater des Mainzer Humanismus.  

Die Stiftskirche

Spätestens 897 wurde mit dem Bau der Stiftskirche, die zunächst der Hl. Maria, später Walburga gewidmet war, begonnen. Diese recht genaue Zeitangabe lässt sich anhand eines Stückes Holz mit Waldkante, das als Fensterrahmen fest mit dem Mauerwerk verbunden war, dendrochronologisch belegen. Auch alte Keramik, ebenfalls aus dem Rheinland, entdeckte man auch in der Walburga-Kirche. Dort wurden, zwecks einer besseren Akustik, Schalltöpfe aus Keramik in den Boden und in die Wände eingebaut.  

In der Krypta der Walburgakirche sind noch heute Gebäudeteile aus dem 10. und 12. Jahrhundert zu sehen. Dass diese noch vorhanden sind, ist keine Selbstverständlichkeit. Luftangriffe während des 2. Weltkriegs hatten die Stiftskirche stark beschädigt. Schlimmer allerdings hätte es einige Jahre später für das bedeutende Bauwerk ausgehen können: Verkehrsplaner wollten den Kreuzungspunkt der Stadt vergrößern, doch dazu stand ihnen die Stiftskirche im Weg. Durch Intervention des damaligen Pfarrers Künsting konnte die Durchführung dieses Planes verhindert werden.  

Die Stiftskirche war immer auch Pfarrkirche, allerdings mit eingeschränkten Pfarrrechten für die Bürger der Freiheit Meschede, weiß Pfarrer Michael Schmitt: „Die umliegenden, zur Pfarrei gehörenden Bauernschaften (Berghausen, Enste, Galiläa, Immenhausen, Laer, Mosebolle, Schederberge, Heggen, Löttmarighausen) hatten ihre eigene Pfarr- und Marktkirche St. Mariä Himmelfahrt und Johannes Evangelist im Bereich des heutigen Parkplatzes der ehemaligen Post/heutiger Gemeindeverband, Stiftsplatz 13. 1787 wurden beide Pfarreien durch den Kurfürsten vereinigt und die Stiftskirche St. Walburga alleinige Pfarrkirche für den Bereich. Die Mariä Himmelfahrt und Johannes Evangelist-Kirche wurde Schule, dann Zigarrenfabrik - und schließlich abgerissen. Ihr Patrozinium lebt in der heutigen, 1952/53 erbauten Mescheder Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt unterhalb der Abtei Königsmünster weiter.“ 

Neue Nutzung 

Mit der Auflösung des Mescheder Stiftes verlor auch die Hünenburg ihre Bedeutung. Spätestens 1833 waren ihre Mauern völlig abgetragen, die Steine wohl in vielen Mescheder Häusern verbaut. Auf dem ehemaligen Burggelände wurde ein Lokal mit Kegelbahn, Schießstand, Getränkekeller und Obstgarten errichtet. Dazu wurde die Fläche ausplaniert, was spätere Forschungsarbeiten erschwerte. Das Lokal bestand nur bis zu Beginn des 20. Jahrhundert. Anschließend ging das Areal in den Besitz der Stadt Meschede über.  

Wallstrukturen und Gräben der alten Burganlage sind noch immer zu erkennen, oft aber durch Büsche überwuchert In den letzten Jahrzehnten diente die Burgruine vielfach als Grillplatz; gelegentlich ruht sich ein Wanderer auf den uralten Steinen der Turmmauer aus. Und ganz tief darunter befinden sich noch immer die unteren Lagen der einst so mächtigen Burganlage. 

Zur Info

Der Turm und die erste gemauerte Kirche stammen aus den Jahren 897-913 I 958 wurden Meschede durch Kaiser Otto I.  Markt- und Zollrechte verliehen I 12. Jahrhundert: Nach einem Brand entstand die jetzige Apsis mit der Choranlage I 1457 erhielt Meschede die Freiheitsrechte I 1663/64 Der romanische Bau wurde im 30-jährigen Krieg zerstört, die heutige Hallenkirche wurde gebaut 

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