Landwirtschaft mit Herz und Leidenschaft

Heimische Landwirtschaft hat der Gesellschaft eine Menge zu bieten – Klimaschutz und Digitalisierung bedeutende Zukunftsfelder

Ihre Plädoyers kommen aus vollem Herzen: „Landwirt ist der schönste Beruf der Welt“, sagt Josef Schreiber. „Landwirtschaft ist Leidenschaft.“ Für Josef Lehmenkühler steht fest: „Wir arbeiten mit Lebewesen und nicht mit totem Material.“ Schreiber und Lehmenkühler erleben es hautnah, dass die Landwirte mit Struktur- und Klimawandel, Reglementierungen und Vorurteilen zu kämpfen und an „Wertschätzung in der Gesellschaft verloren haben“ - auch wenn sich das Image in der letzten Zeit verbessert hat. Die Landwirtschaft, so die beiden Bauern, ist „systemrelevant“ und hat der Gesellschaft eine Menge zu bieten, vor allem hochwertige Lebensmittel. Im Klimaschutz und bei der Digitalisierung soll sie künftig eine „Riesen-Rolle“ spielen.

Text: Paul Senske
Fotos: Jürgen Eckert

Schreiber und Lehmenkühler wissen, worüber sie reden. Schreiber ist seit zwölf Jahren Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Hochsauerland, Lehmenkühler seit sechs Jahren Chef des Kreisverbandes Soest. Im HSK gibt es rund 1.300 landwirtschaftliche Betriebe, 70 Prozent sind Nebenerwerbs-Betriebe. Im Kreis Soest mit den fruchtbaren Hellwegböden sind es ca. 1.700 Betriebe (davon 30 Prozent im Nebenerwerb).

Schreiber und Lehmenkühler sind Bauern aus Leidenschaft. Schreibers Hof in Medebach besteht in der fünften Generation. Es ist ein Betrieb mit 100 Hektar und 130 Kühen mit Jungtieren, gleichzeitig ein Ferienhof, auf dem Feriengäste beim Melken helfen können. Seit März hat Schreiber als Direktvermarkter von Milch mit eigener Pasteurisierungsanlage „ein weiteres Standbein“. Lehmenkühler - der Betrieb in Geseke entstand einer Vollfusion zweier Höfe zur Lehmenkühler Rotgeri GbR - ist ebenso „vielfältig unterwegs“: Schweinezucht mit 230 Sauen und 1500 Mastschweinen, Ackerbau, Kartoffelproduktion und Möhrenanbau sowie Energieerzeugung mit einer Biogasanlage. „Auf dem Hof ist immer Leben. Schon als Junge hat mir die Erntezeit am besten gefallen“, sagt Lehmenkühler. „Alle standen unter Volldampf.“

Schreiber und Lehmenkühler gehören einem Berufsstand an, dessen Image gelitten hat. Der einen Strukturwandel zu bewältigen und der angesichts immer neuer Vorschriften schwer zu kämpfen hat. „Wir haben in den vergangenen Jahren an Achtung verloren“, meint Lehmenkühler. Stichworte: Ökologie, Umweltbelastung, Tierwohl - Die Bauern als „Sündenböcke“? Schreiber sieht eine Chance, dass sich angesichts der Corona-Pandemie das Image der Landwirte verbessern kann: „Wir ernähren die Menschen. Unsere regionalen Produkte sind hochwertig und preiswert. Was passiert, wenn ein Engpass an Lebensmittel kommt? Das Horten von Toilettenpapier war symptomatisch. Vielleicht bietet Corona einen Denkanstoß, was die Landwirtschaft eigentlich bietet. Sie ist systemrelevant.“ Eine Imageverbesserung wird bei jüngeren Umfragen deutlich: Die Landwirte rücken im Hinblick auf die gesellschaftliche Relevanz auf Platz zwei hinter den Ärzten vor.

Was beispielsweise die Lebensmittelproduktion und angemessene Preise betrifft, so beklagt Lehmenkühler die wachsende Anzahl von Vorschriften, die verhindern, dass eine Reihe von Lebensmitteln nicht mehr regional bzw. in Deutschland produziert wird und aus dem Ausland kommt. Lehmenkühler verdeutlicht das an einem (kleinen) Beispiel. „Vor Jahren hatten wir eine große Mäuseplage auf unseren Feldern. Die Mäuse knabberten die Möhren an. Wir durften aber kein Mäusegift verwenden. Die Gefahr für Feldhamster oder Greifvögel sich zu vergiften, sei zu hoch, hieß es. Wir mussten die Möhren vernichten.“

Schreiber und Lehmenkühler sind fest davon überzeugt, dass es trotz aller Probleme ein Nebeneinander von Landwirtschaft mit steigender Nachfrage nach Lebensmitteln und Natur- bzw. Umweltschutz möglich ist und beide Seiten davon auch profitieren können. „Wir wollen die Kulturlandschaft, die wir durch Ackerbau und Beweidung geschaffen, erhalten“, erklärt Schreiber. „Wir vernichten keine Umwelt. Die Biodiversität ist ein hohes Gut.“ Lehmenkühler verweist dabei auf die Möglichkeit, bei intensiver Flächennutzung als Ausgleich Blühwiesen u. a. als Nahrungsquellen für Bienen und Insekten einzurichten. Blühflächen sind Ackerflächen, die mit artenreichen Mischungen von Blütenpflanzen eingesät werden. „Wir bewirtschaften 200 Hektar, 15 davon sind für Blühwiesen vorgesehen. Blühwiesen oder auch Randstreifen werden gefördert. Wenn sie aber gesetzlich vorgesehen werden, gibt es für die Landwirte keinen finanziellen Ausgleich mehr.“

Neue Düngeverordnung ist spürbarer Einschnitt

Sorgen bereitet den Landwirten auch die neue Düngeverordnung, die am 1. Mai 2020 teilweise in Kraft getreten ist und spürbare Einschnitte für die Praxis mit sich bringt. Übermäßiger Einsatz von Gülle und stickstoffhaltigem Dünger gilt als eine Ursache für die Nitratbelastung im Grundwasser. Die Verordnung sieht u. a. neue Dokumentationspflichten und schärfere Abstandsregelungen zu Gewässern vor. Für nitratbelastete („rote“) Gebiete gilt ab Januar 2021 ein Verbot der Düngung von Zwischenfrüchten ohne Futternutzung und die Reduzierung der maximal zulässigen Stickstoffdüngung um 20 Prozent.

„Ich habe gelernt, dass man so viel zu düngt, wie man dem Boden im Jahr an Nährstoffen entzogen hat“, meint Schreiber. „Die Politik hat die Problematik falsch bewertet. Im HSK sind wir aber nicht so stark von der Verordnung betroffen wie andere Regionen.“ Der Kreis Soest, zum großen Teil auf sogenannten „roten Grundwasserkörpern“, ist davon deutlich mehr betroffen. „Natürlich wollen wir das Wasser sauber halten. Die Maßnahmen sind allerdings teilweise nicht zielführend“, erklärt Lehmenkühler. „Es handelt sich um eine pauschale Reduzierung der Düngung über eine ganze Region aufgrund nur weniger, nicht repräsentativer Messstellen. Eine zielgenaue Regulierung auf den einzelnen Betrieb wäre für den Wasserschutz weitaus effektiver. Eine für die Kulturpflanze bedarfsgerechte Düngung ist gleichgerichtet für Wasserschutz und Lebensmittelqualität das Maß aller Dinge.“

„Unsere Kühe wohnen wie in Fünf-Sterne-Hotels“ (Josef Schreiber)

Beim Thema „Tierwohl“ sind sich beide Landwirte einig, dass es ihren Tieren gut geht. „Eine Kuh kann nur Milch geben, wenn sie sich wohl fühlt“, betont Schreiber. „Die neuen Außenklima-Ställe mit Liegefläche, Fressplatz, Melkroboter, zudem teilweise Weidehaltung sind wie Fünf-Sterne-Hotels.“ Lehmenkühler sieht die Schweine seines Hofes in „Voll-Pension mit Rundumbetreuung“. Natürlich seien die heimischen Landwirte für Verbesserungen, sprich größere Ställe („Tierwohlställe) offen. Stallumbauten könne es aber nicht zum Nulltarif geben. „Wir sind dafür offen, alles was gut ist, zu verbessern. Bau- und Planungsrecht, Auflagen und Bürokratie machen das aber teilweise unmöglich.“

„Doppelnutzung von Gülle ist eine wichtige Maßnahme“ (Josef Lehmenkühler)

Ein anderes wichtiges Thema ist der Klimawandel, der die Bauern belastet, zu dem sie aber auch beigetragen haben Die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft bestehen vorwiegend aus Methan und Lachgas. Beide bedeutend schädlichen Klimagase entstehen aus natürlichen Prozessen im Boden, bei der Verdauung in der Tierhaltung und der Lagerung von Mist und Gülle. Der Anteil der Landwirtschaft an der Treibhausgasemission einschließlich des Energieverbrauchs lag 2018 in Deutschland bei acht Prozent. Seit 1990 sind die gesamten Emissionen der Landwirtschaft aus Methan, Lachgas und Kohlendioxid um rund 20 Prozent gesunken. Bis 2030 sollen es 30 Prozent sein. Vor allem effizientere Düngung der Böden und optimiertes Futter haben bisher zur Reduzierung beigetragen. So wird beispielsweise durch eine Steigerung des Kraftfutteranteils die Verdaulichkeit erhöht und damit die Methan-Emissionen der Wiederkäuer (“rülpsende Kühe”) verringert. Lehmenkühler konkretisiert ein weiteres Beispiel der Emissions-Reduzierung und plädiert für eine Doppelnutzung von Gülle: „Der Naturdünger kann in der Biogas-Anlage energetisch genutzt werden. Beim Abbau wird Methan entzogen, das aufgefangen wird und einen Motor antreibt, der Strom und Wärme erzeugt. Danach kann die Gülle auf den Acker - ohne Methan. Die Doppelnutzung von Gülle ist eine wichtige Maßnahme.“

Humusaufbau als bedeutender Klimaschutz

Beim Blick in die Zukunft sehen beide Bauern die Landwirtschaft in einer „Riesen-Rolle beim aktiven Klimaschutz“ durch den Aufbau von Humus und die damit verbundene Speicherung von CO2 in den bewirtschafteten Böden. Der Humus besteht zum großen Teil aus Kohlenstoff, der aus dem Kohlendioxid der Luft stammt. Je mehr Humus im Boden gespeichert wird, desto stärker wird die Atmosphäre vom Treibhausgas CO2 entlastet. „Vor allem durch geeignete Fruchtfolgen und den Aufbau von Zwischenfrüchten wird der Humusgehalt im Boden aktiv erhöht“, erklärt Lehmenkühler. „Die Äcker binden mehr CO2 als Naturschutzgebiete und Wälder.“ Zudem hat der Humus auch Einfluss auf die Bodenfruchtbarkeit und die Wasserhalt-Kapazität. Die Landwirtschaft ist die einzige Branche, die den Humusgehalt im Boden aktiv auf- und ausbauen und damit funktionsfähig erhalten kann. Der Boden ist zudem der zweitgrößte CO2-Speicher nach den Ozeanen.

Digitalisierung bringt Landwirtschaft voran

Ein weiteres großes Zukunftsthema ist die Digitalisierung. In diesem Bereich sind die Landwirte zum Teil weiter als andere Wirtschaftsbereiche. Hightech-Landmaschinen, Agrar-Apps, Robotik wie Melkroboter usw.: Die Digitalisierung ist ein bedeutender Faktor bei der Ressourcen- und Klimaeffizienz und beim Tierwohl. Sie bringt die Landwirtschaft voran. Schreiber und Lehmenkühler sind sicher, dass der Strukturwandel in der Landwirtschaft in vielen Bereichen weitergehen wird. „Es werden weniger Landwirte. Ihre Aufgabe wird es weiterhin sein, die Bevölkerung zu ernähren und ressourcen- und umweltschonend zu handeln. Den familiengeführten Betrieb wird es weiterhin geben, eben Landwirtschaft mit Herz und Leidenschaft.“

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