Enge Begleitung und enge Kontakte zur Wirtschaft
Die zunehmende Akademisierung, der Drang aufs Gymnasium und die Umstrukturierungen der Schullandschaft haben den Hauptschulen in den letzten Jahren massiv zugesetzt – mit bekannten Folgen. Schulschließungen, Stigmatisierungen wie „Auslaufmodell“ oder „Restschule“ führten zudem dazu, dass die Hauptschülerinnen und Schüler in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend in eine gesellschaftliche Schieflage geraten sind. Jochen Müller, der Schulamtsdirektor des Hochsauerlandkreises, hält dagegen: „Die Hauptschulen vermitteln neben einer grundlegenden Allgemeinbildung weiterhin wichtige Grundlagen für die berufliche Orientierung und die Lebensplanung. Die berufliche Orientierung ist der absolute Schwerpunkt. Die Hauptschulen waren und sind auch heute Vorreiter.
Im Hochsauerlandkreis werden aktuell 1.755 Schülerinnen und Schüler an den kreisweit sechs Hauptschulen unterrichtet: Grimmeschule Neheim - Städtische Katholische Bekenntnishauptschule, im Volksmund auch „Gelbe Schule“ genannt, Konrad-Adenauer-Schule Freienohl, St. Walburgs-Hauptschule - Katholische Hauptschule der Stadt Meschede, Gemeinschaftshauptschule der Stadt Sundern, Christine-Koch-Hauptschule Eslohe, Schule am Wilzenberg - Gemeinschaftshauptschule der Stadt Schmallenberg. „Die Anmeldezahlen sind stabil, teilweise steigen sie“, betont Jochen Müller. „Vor rund zehn Jahren wurde die Hauptschule totgesagt. Derzeit zeichnet sich eine leichte Tendenz ab, dass Eltern die Hauptschule als gute Grundlage für ihre Kinder wiederentdecken.“
„Kein Kind geht in der Masse verloren, weil es keine Masse gibt“ (Christina Baganz)
Neben der grundlegenden Allgemeinbildung mit allen implizierten Abschlüssen der Sekundarstufe I hebt Christina Baganz die „kleinen und engmaschigen Systeme“ der Hauptschulen hervor: „Man kennt praktisch jeden Schüler“, sagt die Regionaldirektorin des Projektes KAoA (Siehe weiterer Text) und frühere Lehrerin an der Christine-Koch-Hauptschule Eslohe. „Keine Schülerin, kein Schüler geht verloren, weil es keine Masse wie an Mammutschulen gibt.“ Jochen Müller hebt ebenfalls die enge und intensive Begleitung der Jugendlichen hervor: „Die Lehrerinnen und Lehrer haben einen großen Einfluss. Einige Schülerinnen und Schüler brauchen fast schon eine fürsorgliche Betreuung. Viele Hauptschulen sind geschlossen worden, die Hauptschüler aber bleiben.“
„Musterbeispiel“ Petri-Hauptschule Hüsten
Im Schulamt und in der Wirtschaft, zu der die Schulen engen Kontakt pflegen, ist man der festen Überzeugung, dass die Hauptschulen ihre Schülerinnen und Schüler nach wie vor auf eine große Palette von Lehrberufen vorbereiten, für die kein Abitur notwendig ist. Das war früher in der „Blütezeit“ der Hauptschulen, die aus den Volksschulen entstanden sind, der Regelfall. Ein Musterbeispiel ist das nach über 60 Jahren 2017 geschlossene Hauptschulzentrum Petri-Schule in Arnsberg-Hüsten. „Die Schule war praktisch eine Kaderschmiede und ein breites Reservoir vor allem fürs Handwerk“, so der inzwischen verstorbene, langjährige Rektor Helmut Bauerdick. „In der Schule wurden viele berufliche Karrieren vorbereitet und damit der Mittelstand gestärkt.“ Dachdeckermeister Hermann Vogt (Hüsten) beispielsweise weiß heute noch seine Zeit in der Petri-Schule zu schätzen: „Ich habe den Dreisatz gelernt, diesen wichtigen mathematischen Grundstein. Das gilt ebenso für die Geometrie. Das Fach Werken habe ich geliebt. Aber auch der musische Unterricht kam nicht zu kurz. Ich bin bestens auf meine berufliche Ausbildung vorbereitet worden.“
Mit KAoA Schulen lebensnäher und lebendiger gestalten
In ihrem Monitor Ausbildungschancen 2023 fordert die Bertelsmannstiftung, „dass alles dafür getan werden muss, um insbesondere Jugendliche mit geringer Schulbildung in Ausbildung zu bringen“. In NRW ist das Projekt KAoA – Kein Abschluss ohne Anschluss – bereits seit Jahren eine wichtige Maßnahme auf diesem Weg. Durch die frühe berufliche Orientierung sollen die Schulen lebensnäher und lebendiger gestaltet werden. Das 2012/2013 gestartete und ab 2016/2017 für alle Schulen verbindliche Projekt sorgt, wie es Christina Baganz formuliert „für ein Mindestmaß an beruflicher Orientierung, gleich an welcher Schule“. Die Schülerinnen und Schüler sollen am Ende der Schulzeit eine begründete Entscheidung für ihren Weg treffen, „der Freude bereitet und ihren Fähigkeiten entspricht“, so Jochen Müller. Ein bedeutendes KAoA-Handlungsfeld ist die Steigerung der dualen Ausbildung. NRW-weit sind in allen 53 Kreisen und kreisfreien Städten kommunale Koordinierungsstellen mit vielen Partnern bei der Umsetzung des Übergangssystems Schule Beruf tätig. Beim HSK fungiert das Schulamt als Koordinierungsstelle.
„KAoA ist ein erfolgreiches Projekt“ (Christina Baganz)
Christina Baganz bezeichnet „KAoA als ein erfolgreiches Projekt“. Der Berufsorientierungsprozess ist ab der 8. Klasse standardisiert und verbindlich. Nach der Elterninformation steht die eintägige Potenzialanalyse bei außerschulischen Bildungsträgern an. Dabei geht es u. a. um praktische Kompetenzen, Lernbereitschaft, aber auch um Motivation und soziale Kompetenzen. Danach steht die dreitägige Berufsfelderkundung in drei Berufsfeldern an. Ab Klasse 9 bzw. 10 folgen zwei dreiwöchige Betriebspraktika. Auch die Möglichkeit eines Langzeitpraktikums - einen Tag in der Woche - besteht für Hauptschülerinnen- und Schülern mit besonderem (Lern-) Bedarf. Jugendliche mit Handicap können Praxiskurse und die KAoA STAR-Angebote nutzen, die sie entsprechend ihrer individuellen Bedarfe begleiten. Abgeschlossen wird der Prozess mit einer individuellen Anschlussperspektive, die mit einer konkreten Anschlussvereinbarung dokumentiert wird. Ein Berufswahl-Pass, ein Ordner mit farbigen Registerblättern, begleitet den gesamten Prozess. Der Pass ist ein Informations-, Planungs- und Orientierungsdokument
„Wir sind im HSK gut aufgestellt“ (Jochen Müller)
In einer Übergangsstatistik müssen die Schulen melden, welchen Weg ihre Schülerinnen und Schüler einschlagen. Diejenigen, die keinen Anschluss gefunden haben, müssen danach noch intensiv beraten werden. Im HSK haben im letzten Schuljahr 14 Schülerinnen und Schüler keinen Anschluss erreicht, acht aus den Sekundarschulen, fünf aus den Förder- und eine/r aus den Realschulen, keine/r aus den Hauptschulen. „In Großstädten sieht das wesentlich schlechter aus. Wir sind im HSK gut aufgestellt.“ Einen wichtigen Beitrag leistet der schulübergreifende Austausch. Als Regionalkoordinatorin KAoA ist Christina Baganz für den sogenannten „StubO-Tag“ verantwortlich, der einmal im Jahr auf Einladung des Schulamtes mit externen Partnern stattfindet. StubOs sind die Studium- und Berufswahlkoordinatoren an den Schulen.
BIWENAV HSK bietet wichtige Entscheidungshilfe
Seit einem guten Jahr hat der Hochsauerlandkreis zudem einen digitalen Bildungswegenavigator geschaltet. BIWENAV HSK ist ein interaktives Tool, das einen Überblick über alle möglichen Schulabschlüsse und Bildungswege im HSK verschafft und eine wichtige Entscheidungshilfe ist. Ob „Neu in Deutschland“, Förderschulabschluss, Hauptschule mit unterschiedlichen Abschlüssen, Abitur oder abgeschlossene Berufsausbildung: „Der BIWENAV HSK führt dich auf deinen Weg“, heißt es. Die Schülerinnen und Schüler können Bildungswege einschlagen, die ihnen mit dem Schulabschluss konkret im Kreisgebiet offenstehen. Duale Ausbildung, Berufskolleg oder Studium: Der Bildungswegnavigator bietet passende Vorschläge an. Auch Informationen zu alternativen Routen wie ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Auslandsaufenthalte werden geboten. Videos ergänzen das umfangreiche Angebot.
„Großartige Vernetzung ist gelungen“ (Jochen Müller)
„Der BIWENAV HSK ist das Ergebnis einer interdisziplinären Kooperation, bei der eine breit angelegte, großartige Vernetzung im Bereich der beruflichen Orientierung gelungen ist“, so Jochen Müller. Für Christina Baganz ist es zudem wichtig, „dass das Tool konkret auf den HSK zugeschnitten ist“. Vorreiter des mehrfach prämierten Bildungswegenavigators ist die Stadt Düsseldorf.