Das Sauerland unter Strom

Starke und stromintensive Industrieregion: Plädoyer für regionale Wertschöpfung

Strom ist ein faszinierender Energieträger. Ein Leben ohne Strom ist kaum vorstellbar. Seit der Liberalisierung des Energiemarktes, der damit verbundenen Privatisierung sowie der beschlossenen Energiewende hat der Strommarkt eine starke Dynamik entwickelt, die auch im Sauerland festzustellen ist. Bis zu 100 Stromanbieter liefern vor Ort die Energie. Als starke Industrieregion ist die heimische Region besonders stromintensiv. Im Gegensatz zum Bundestrend ist der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien in der Region mit unter 15 Prozent gering. Unabhängig vom Strommix plädieren lokale Akteure für „eine dezentrale Versorgung mit großer Wertschöpfung für die Region als zukunftsweisenden Weg“.

Text: Paul Senske
Fotos: Iris Böning

Davon sind jedenfalls Christoph Rosenau und Siegfried Müller fest überzeugt. Sie sind die beiden Geschäftsführer der HochsauerlandEnergie GmbH, dem Energieversorgungs-Unternehmen der Städte Meschede und Olsberg sowie der Gemeinde Bestwig. Gesellschafter sind die HochsauerlandWasser GmbH und die Stadtwerke Lippstadt GmbH. Derzeit versorgt die HochsauerlandEnergie rund 17.200 „Abnahmestellen“ mit Strom und 6.500 mit Gas. Gleichzeitig ist das Unternehmen alleinige Gesellschafterin der Hochsauerland-Netze GmbH & Co. KG, die ihrerseits Eigentümerin der Strom- und Gasnetze in Bestwig, Meschede und Olsberg ist und diese gegen Zahlung einer Pacht von der Westnetz GmbH, einer Tochtergesellschaft von Innogy, betreiben lässt. „Strom ist ein Grundbedürfnis für die Menschen, die dezentrale Versorgung ist der Weg der Zukunft“, sagt Müller, der technische Geschäftsführer der beiden Gesellschaften. „Die lokalen Stromanbieter bringen die Wertschöpfung ins Sauerland, weil durch günstige Preise das Geld bei den Kunden, also in der Region, bleibt. Zudem profitieren die Kommunen von Steuern und Abgaben, die wir entrichten.“ Rosenau, der kaufmännische Geschäftsführer, sieht die Kundennähe als weiteres Kriterium an: „Der persönliche Kundenkontakt ist ein Pfund.“

Darauf setzen auch die Stadtwerke Arnsberg und Brilon. In Warstein liefert unter anderen die Warsteiner Verbundgesellschaft als lokales Unternehmen die Energie. Im Kreis Olpe ist die Bigge Energie GmbH & Co. KG der regionale Player. In den Gemeinden Diemelsee und Willingen spielt die Energie Waldeck-Frankenberg GmbH die dominierende Rolle.

Rund 100 Stromanbieter im Sauerland

Der Blick auf den heimischen Strommarkt zeigt eine große Vielfalt. Seit der Liberalisierung vor 22 Jahren können Kunden den Stromanbieter wechseln. In Deutschland gibt es rund 900 entsprechende Unternehmen. Im Sauerland und der Region haben bis zu 100 Stromanbieter im jeweiligen Netzgebiet Kundenverträge. Willingen (49) und Diemelsee (63) liegen unter dem Schnitt. Für die Grundversorgung sorgt in den meisten Gebieten Innogy: Im HSK sind es zehn Kommunen, nur Bestwig (HochsauerlandEnergie) und Hallenberg (E.ON) haben hat derzeit einen anderen Grundversorger. Innogy ist auch in der Gemeinde Ense momentan der Grundversorger. Das Netz hat die Ense-Stromnetz GmbH & Co. KG an Innogy bzw. deren Tochter Westnetz verpachtet. In Warstein weist die Warsteiner Verbundgesellschaft die meisten Kunden auf. In Olpe und Attendorn ist es die Bigge Energie, in Diemelsee und Willingen die Energie Waldeck-Frankenberg.

Wo kaufen die Energieversorger den Strom ein? Eine Möglichkeit ist der Bezug über die Strombörsen, der größte Teil wird zwischen den Marktteilnehmern abgewickelt. Die HochsauerlandEnergie kauft den Strom „Over The Counter“: „Dieser sogenannte OTC-Handel erfolgt außerbörslich“, erklärt Siegfried Müller. „Wir kaufen bei vier bis fünf Stromhändlern.“ Einer der Händler ist die Repower AG, ein Energieversorgungsunternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz. Von Repower erhält die HochsauerlandEnergie den „grünen Strom“, der mit dem „OK-Power-Label“ ausgezeichnet ist. Die Stadtwerke Brilon setzen vor allem aus Strom aus Norwegen. Die Bigge Energie verweist auf die „Kraft der Bigge“.

Strommarkt ein kompliziertes Gebilde

Der Strommarkt ist nach der Liberalisierung und teilweisen Rekommunalisierung ein nicht nur rechtlich kompliziertes Gebilde. Auf der einen Seite werben die Stromanbieter um Marktanteile. Auf der anderen Seite stehen die Eigentümer der Stromnetze. Es gibt Eigentümer, die die Netze selbst betreiben und Eigentümer, die das Netz an Betreiber verpachten. Der Verteilnetzbetreiber (DSO: „Distribution System Operator“) ist in seinem Gebiet für den Anschluss der Abnahmestellen an das Strom- und Gasnetz, für Instanthaltung und den sicheren Betreib zuständig. Alle 20 Jahre werden die Strom- und Gaskonzessionen neu vergeben. Alle drei Jahre legt die Bundesnetzagentur fest, welcher Stromanbieter für die Grund- und Ersatzversorgung zuständig ist. Grundversorger ist das Unternehmen, das im Netzgebiet vor Ort die meisten Haushaltskunden mit Strom beliefert. „Jeder Haushaltskunde hat einen Anspruch auf diese Grundversorgung“, erklärt Siegfried Müller.

Ausbau der Windkraft stagniert

Was die Produktion von Ökostrom vor Ort betrifft, so hinken das Land NRW und die heimische Region dem Bundestrend deutlich hinterher. Nur 16,2 Prozent des Stromverbrauchs wurden 2019 in NRW durch erneuerbare Energien gedeckt. Für das Sauerland und Südwestfalen dürften das deutlich unter 15 Prozent sein. Ein Grund ist die Stagnation beim Ausbau der Windkraft. Mit 290 Anlagen drehen sich im Kreis Soest die meisten Windräder in der Region, im HSK sind es 144 und im Kreis Olpe 21.

Der Blick in die Zukunft: „Wir setzen auf den dezentralen Weg“, betont Christoph Rosenau. „Es war ein wichtiger Schritt, ein Stück Daseinsvorsorge wieder in die kommunale Hand zu geben. Wir sind auf dem richtigen Weg. Unser Kundenstamm weist eine gesunde Basis auf, wir haben kaum Fluktuation und ein seit Jahren stetiges Wachstum an Kundschaft.“ Siegfried Müller formuliert ein ehrgeiziges Ziel: „Die Verteilernetze, die wir in Meschede, Bestwig und Olsberg verpachtet haben, müssen auch hier betrieben werden. Wir wollen auch der Grundversorger für Strom in allen drei Kommunen werden.“

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